Mein narzisstischer Vater und ich

Am Wochenende habe ich mich mit meinem Vater getroffen und war Gott sei dank nicht alleine bei ihm. Ich bin Anfang 30 und habe mein Leben ganz gut im Griff, würde ich sagen. Doch mein Vater versteht es wie sonst niemand, meine wunden Punkten zu treffen und genau die richtigen Knöpfe zu drücken. Dann mutiere ich vom Erwachsenen zum pissigen Jugendlichen.

Das schlimmste an der Beziehung zu meinem Vater ist für mich, dass ich ihm nicht vertraue. In seiner Nähe beobachte ich alles kritisch und bin immer sehr vorsichtig, was ich sage und wie ich mich verhalte. Ich zeige bei ihm keine Schwäche, weil er mich dafür abwerten würde. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann mit Sicherheit. Ich finde die folgende Aussage ziemlich passend:

Ein Elefant vergisst irgendwann; der Narzisst nicht.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich ihm irgendwann im letzten Jahr gesagt habe, dass er moralisch nicht über andere urteilen kann. Nicht wenn er selber ein Betrüger und notorischer Lügner ist. Monate später hat er meine Ex-Schwiegermutter getroffen und mir von dem Treffen berichtet. Und dabei hat er einen Aspekt von deren Unterhaltung so verdreht, dass er mich persönlich schwer getroffen hat. Und derartige Reaktionen zeigt er immer. Er provoziert mich ohne Ende und wenn ich dann reagiere, ist er zunächst geknickt, weil ich so ätzend bin zu ihm. Aber Wochen oder Monate später, rächt er sich mit einer persönlichen Attacke.

Ich wünsche wirklich niemandem eine solche Beziehung zu einem Elternteil. Eine, in der Misstrauen herrscht, in der man sich kleiner fühlt als normal und in der man immer aufs schlimmste gefasst ist. Er hat schon so oft abstruse Lügengeschichten erzählt, dass ich ihm eigentlich nichts mehr glaube.
Warum ich mich noch mit meinem Vater treffe, kann ich wirklich nicht sagen. Vielleicht weil es sich so gehört und er mich nur noch mehr nerven würde, wenn wir uns gar nicht mehr treffen. Fakt ist jedoch, dass jedes Treffen eher Sport ist statt Erholung. Danach bin ich meist erschöpft und fühle mich ausgelaugt.

Bei jedem Treffen dreht es sich im Endeffekt darum, dass er Bestätigung bekommt. Dafür würde er sogar über Leichen gehen. Er ist so dermaßen grenzverletzend, dass es wirklich anstrengend ist mit ihm. Seine Hilfsbereitschaft nervt mich auch, weil ich weiß, dass er nur hilfsbereit ist, um mir noch Jahre später vorzuhalten, was er denn alles für mich getan hat. Deshalb wäre mein Vater mit der letzte, den ich kontaktieren würde, wenn es mir schlecht geht oder den ich um Hilfe bitten würde.

Ich weiß gar nicht, wie er es immer schafft, dass sich jedes Gespräch am Ende um ihn dreht und er danach bettelt, dass ich ihm sage, wie stolz ich doch bin.
Hier mal ein typisches Beispiel: Ich kann mich noch daran erinnern, als ich ihm erzählt habe, dass ich mich scheiden lassen werde von meiner 1. großen Liebe. Er hat das kurz zur Kenntnis genommen und mir dann erzählt, dass ein Freund von ihm Anwalt ist. Es ging dann nur noch darum, dass er jemanden kennt, der Anwalt ist und ich den doch nehmen kann als Rechtsbeistand. Das meine Ex-Frau und ich zu dem Zeitpunkt längst einen gemeinsamen Anwalt hatten, hat ihn 0 interessiert. Er war in einer rhetorischen Dauerschlaufe: „Ich kenne einen Anwalt-nimm diesen Anwalt.“
Am Ende habe ich dann gesagt: „Okay, es ist richtig toll, dass du einen Anwalt kennst. Gib mir mal die Telefonnummer von dem und dann mache ich einen Termin aus mit dem.“ Da ich meinen Vater kenne, wusste ich, dass ich nur so das Thema beenden kann. Die Nummer hatte er merkwürdigerweise nicht da und ich habe nie wieder was von dem Anwaltsfreund gehört. So enden eigentlich alle Unterhaltungen von uns. Ich sage ihm: „Super, ganz toll ist das bzw. ganz toll hast du das gemacht!“ Und dann geht es weiter zum nächsten Thema. Ich habe es längst aufgegeben, irgendwas von mir zu erzählen außer, dass alles gut ist.

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5 Gedanken zu “Mein narzisstischer Vater und ich

  1. Oje, mein Beileid! Ich habe eine solche Mutter. Es ist furchtbar traurig, wenn man sich in einer Situation wie Du bei Deiner Scheidung befindet, sich den Eltern mitteilt und statt warmen Worten und einer Umarmung und eben etwas Zuwendung so etwas Abstruses erlebt. Die Botschaft dieser Diskussion war ja wohl: Deine Situation ist uninteressant, laß uns lieber darüber reden, wie wichtig ich bin und wen ich alles kenne. Vollkommen verfehlt. Was ist so schwer an ein klein wenig Mitgefühl? Aber daran hapert’s wohl…
    Kenne ich leider auch.
    Deswegen bin ich wie Du dazu übergegangen, nur noch belanglose Dinge zu erzählen. Alles schön, alles gut, alles langweilig. Aber macht ja nix, solche Leute hören ohnehin nicht gern zu und erzählen lieber selbst. Nur hab ich mittlerweile keine Lust mehr zuzuhören. Resultat: Kaum noch Kontakt.
    Wäre auch mein Rat: Nicht mehr zuhören. 😉

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  2. Einfach erschreckend… Diese Zeilen könnten eins zu eins von mir stammen, nur findest du die Worte sehr deutlich, während ich bei dem Versuch die Beziehung zu meinem Vater zu beschreiben oftmals in hilfloses stammeln verfallen…
    Auch ich bin Anfang 30 (aber eine Sie ;-)) und es ist gerade sehr schwierig mit ihm. ich leben gottseidank mehrere hundert km entfernt von ihm, was mich nicht so leicht greifbar macht. Das ist auch gut so.
    Mittlerweile habe nur noch ich mit ihm zu tun, er hat meinen Geschwistern aufs übelste mitgespielt und diese haben – zu recht – den Kontakt abgebrochen. Und da fängt es wieder an: man muss die Lager spalten, in Freund und Feind und versuchen nun alle auf seine Seite zu ziehen. Ich mache da nicht mit und das ist ganz bitter für ihn. Bisher konnte ich mit viel Energieaufwand und professioneller Hilfe alles mehr oder weniger gut abblocken, doch egal wie ich mich bemühe, er schafft es mit einem Satz mich komplett ausflippen zu lassen (und das schafft sonst kaum einer, ich bin eigentlich sehr schwer aus der Fassung zu bringen). Ich versuche mein Leben mit meiner kleinen Familie, was ich mir hart erkämpfen und aufbauen musste, zu leben und ihm möglichst wenig Raum zu geben. Aber ich weiss ich kann mich ca. alle 8-10 Wochen auf einen Vulkanausbruch gefasst machen… er sammelt Kraft und schlägt dann zu mit Pauken und Trompeten. Das ist so traurig, denn den Vater, den ich mir gewünscht hätte, ist weit weg von dem, was die Realität mir bietet. Zufrieden macht mich, dass mein Mann das komplette Gegenteil ist, ein guter, lieber Mensch und Vater. Ich bemühe mich mit meinem angekratzten selbst diese Idylle zu bewahren, komme was wolle. Und das gibt mir die Kraft ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen.
    Danke für deinen Blogg, es tut gut zu lesen, dass ich nicht verrückt bin, sondern dass es einfach sehr grenzüberschreitende Eltern gibt… auch in anderen Familien. Wünsch dir alles gute und pass gut auf dich auf.

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    • Hallo Matilda,
      danke für deinen Kommentar! Ich habe aus dem Grund angefangen darüber zu schreiben, weil ich festgestellt habe, dass es unzählige ähnliche Geschichten gibt.
      Es freut mich zu hören, dass du einen Mann gefunden hast, der anders als dein Vater ist. Wirklich Gratulation, denn so erlernte Muster aus der Kindheit reaktivieren viele unbewusst.
      Ich wünsche dir auch alles Gute.

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