Wie man es schafft zur zwischenmenschlichen Vollkatastrophe zu werden

Wer kennt sie nicht, die Mitmenschen mit denen ein Miteinander so angenehm ist wie zu enge Schuhe tragen oder Videos gucken mit asynchroner Tonspur.
Hier mal meine Top 10 der Eigenschaften, die man sich antrainieren kann, um seine Mitmenschen in den Wahnsinn zu treiben. Für weitere „crazy-making“ Eigenschaften bin ich dankbar und die können gerne als Kommentar gepostet werden:

  1. Gib deinen Mitmenschen permanent die Schuld an wirklich allem. Spiel das Opfer in jeder Situation, um dir wahre Freunde zu machen.
  2. Wollen deine Mitmenschen sachlich diskutieren, werde sofort persönlich, wenn dir die Argumente ausgehen.
  3. Sage nie direkt, was du fühlst. Jeder hat gerne Kontakt zu passiv-aggressiven Menschen. Denn so ein wütendes und trotziges Kleinkind im Erwachsenenkostüm ist ein traumhafter Begleiter in jeder Lebenslage.
  4. Hat jemand etwas getan, was dir nicht gepasst hat, sag ihm das keinesfalls direkt. Strafe ihn mit Schweigen und verlange von ihm deine Gedanken zu lesen.
  5. Deine Bedürfnisse kommen an allererster Stelle. Dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse haben, irritiert dich.
  6. Dreh dich im Kreis bei Argumentationen und bringe immer wieder die gleichen Themen und Argumente an. Alle deine Mitmenschen schätzen Monotonie sehr und hören sich die immer gleiche Platte nur allzu gerne auch zum 1000. Mal an.
  7. Rede nur von dir und höre anderen nicht zu. Wagt es jemand von sich zu sprechen, dann antworte mit catchy Phrasen: erzählt dir jemand von seiner Essstörung, erwähne hungernde afrikanische Kinder. Sagt dir jemand er sei depressiv, entgegegne einfach, dass traurig gucken das ganze auch nicht besser macht usw.
  8. Wenn es zum Konflikt kommen könnte, vermeide ihn, indem du lügst.
  9. Definiere die Realität deiner Mitmenschen. Hast du dich wie die Axt im Walde verhalten und der andere ist irritiert wegen deinem Verhalten, zeig keinerlei Einsicht. Sag dem anderen, er sei einfach zu sensibel. Da du ein gottähnliches Wesen bist, bestimmst allein du, was deine Menschen zu fühlen, glauben und denken haben.
  10. Nimm alles ernst und verstehe keinen Humor.
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Gefühle und die Gefahr von emotionalem Missbrauch

In meinem letzten Beitrag zum Thema Gefühle habe ich beschrieben, wie traurig es ist, dass sich so viele Menschen nicht trauen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Und so traurig der Umstand auch ist, so verständlich finde ich ihn doch auch auf der anderen Seite. Denn wenn wir wirklich zu unseren Gefühlen stehen, zeigen wir unser wahres Ich. Wir können die coole Fassade immer aufrecht erhalten, wenn wir wollen. Wir können Beziehungen, Freundschaften und Sex mit anderen Menschen haben ohne wirklich unsere wahren Gefühle zu offenbaren. Erst wenn wir unsere Gefühle offenbaren, stehen wir einem anderen Menschen wahrhaftig nackt gegenüber. Ich muss echt schmunzeln, wenn ich das so schreibe. Noch vor 1 Jahr hätte ich den Verfasser solcher Zeilen wahrscheinlich als waschechten Waschlappen bezeichnet, der sich mit Mädchenkram beschäftigt. Bevor ich in einer Missbrauchsbeziehung war, war ich solchen Themen gegenüber nicht wirklich aufgeschlossen. Erst durch diese „Beziehung“ habe ich erfahren, was mit Einem passieren kann, wenn man nicht auf seine Gefühle vertraut und wie es sich anfühlt, wenn man emotional missbraucht wird.

Und das erklärt für mich auch, warum es wichtig ist, nicht jedem sein Innerstes zu offenbaren:

  1. Nicht jeden interessiert es, was man gerade fühlt. Wenn jemand z.B. der Penny-Verkäuferin erzählt, dass er gerade ganz schrecklich unter Verlustangst leidet, schafft er dadurch sicherlich keine tiefe zwischenmenschlich Begegnung. So ein Verhalten zeugt eher von mangelhaft ausgeprägten persönlichen Grenzen bzw. er verletzt damit sogar die Grenzen des Anderen, der damit verständlicherweise nichts anfangen kann. Ein derartiges Verhalten schreckt das Gegenüber verständlicherweise ab und zeugt nicht gerade von Taktgefühl. Daher denke ich, dass Gefühlsäußerungen der jeweiligen Beziehung angemessen sein sollten. Meiner Freundin kann ich sagen, wenn mich ihr Verhalten verletzt. Genauso kann ich ihr sagen, dass ich es liebe, wenn sie dieses und jenes macht. Meinem Fitness Studio Kumpel kann ich sagen, dass es cool ist, mit ihm zusammen zu pumpen. Ich würde allerdings nicht sagen, dass ich eifersüchtig bin, wenn er mit einem anderen Bankdrücken macht.
  2. Man wird verletzbar, wenn man seine Gefühle offenbart. Da ist der wohl entscheidende Grund, warum es einem so schwer fällt zu seinen Gefühlen zu stehen. Wenn man seine Gefühle offenbart und sein Innerstes gezeigt hat, begibt man sich stets in Gefahr, abgelehnt zu werden. Ich finde es dabei gar nicht schlimm, wenn jemande meine Gefühle nicht verstehen kann. Sind ja auch meine und daher ist es verständlich, dass der andere das nicht so fühlen und verstehen muss. Reicht mir schon, dass er mich mit meinen Gefühlen stehen lassen kann und akzeptiert, was ich fühle. Bitter wird es dann, wenn die Gefühle vom Gegenüber als krank abgestempelt werden. Sollte das regelmäßig vorkommen, sollte man sich von der Person so gut es geht entfernen. Denn emotionale Missbrauchstäter sind gefährlich fürs eigene Wohlbefinden und kontinuierlicher emotionaler Missbrauch kann das Selbstwertgefühl empfindlich verletzen.
    Schwierig wird es stets dann, wenn man in einer nahen Beziehung zu einem Missbrauchstäter steht. Es gibt ja Menschen, die propagieren, dass einen nichts treffen darf, was andere sagen oder tun. Aber wir sind nun mal Menschen und damit soziale Wesen. Und daher spielen gerade unsere nahen Beziehungen eine Rolle und hier trifft einen emotionalen Missbrauch umso härter. Wenn einen das nicht trifft, zeugt das mMn eher von Gefühlskälte und mangelndem Interesse am Anderen als von Stärke oder Selbstvertrauen. Daher habe ich für mich folgende Regel aufgestellt: Wertet der andere kontinuierlich meine Gefühle ab, gehe ich zum Selbstschutz auf Distanz zu dieser Person. Wenn ich diese Person nicht komplett aus meinem Leben ausschließen kann, belasse ich es bei oberflächlichem Kontakt. Mehr geht aber nicht mit solchen Kandidaten.

Thema häusliche Gewalt gegen Männer in der SZ

Ich habe gerade einen Artikel auf Sueddeutsche.de entdeckt, der sofort mein Interesse geweckt hat:

http://sz.de/1.2390367

Das Thema „häusliche Gewalt gegen Männer“ finde ich spannend, da ich auch einmal geschlagen wurde von meiner gestörten Ex-Freundin. Leider ist der Artikel verwirrend, wenn man mich fragt. Der „Berater“ Jürgen Waldmann erklärt da folgendes:

Immer wieder berät Waldmann Männer, die als Kinder erlebten, wie der Vater die Mutter prügelte, und sich deshalb vorgenommen haben, ein ganz anderer Mann zu werden. Diese Männer seien oft unfähig, der Frau Grenzen zu setzen. Damit schließt sich der Kreis in der Gewalt zwischen den Geschlechtern.

Was will der Experte damit sagen? Es erleben die Männer Gewalt, die selber Zeuge männlicher Gewalt geworden sind. Das macht sie so soft, dass sie den Frauen keine Grenzen setzen können und deshalb werden sie geschlagen??!!!!

Zwei Dinge finde ich komplett beknackt an diesem Zitat:

  1. Ich bin ein Fan von Eigenverantwortung: Wendet ein Partner Gewalt an, ist das die Verantwortung des gewalttätigen Partners.
    Die Logik von Herrn Waldmann „verantwortlich für die Gewalt des Täters ist der Vater des Opfers“ ist mir persönlich zu hoch.
  2. Herr Waldmann berät männliche Gewaltopfer und kommt dabei zum Schluss, dass Gewalt letzendlich IMMER von Männer ausgeht. Also sagt der zu den Männern: „Sie erleben Gewalt, weil sie einfach zu weich sind. Schuld daran ist ihr prügelnder Vater“….Ja, nee, is’klar! Das braucht ein Gewaltopfer in dem Moment: Victim blaming in Reinform.
    Ähh, wie wäre es stattdessen mit: „Schuld an der Gewalt ist ihre prügelnde Frau! Erstatten Sie Anzeige und verlassen Sie das kranke Miststück!“

Narzissten und Therapie

Wenn es um Narzissten und hochfunktionale Gestörte geht, sind Therapeuten oftmals selbst überfordert. Denn sie standen vermutlich noch nie einem in ihrem Berufsleben gegenüber. Wenn überhaupt, dann sind sie einem Narzissten privat begegnet. Deshalb wirken viele Tipps zum Umgang mit Narzissten oftmals theoretisch sinnvoll, aber in der Praxis schlicht unbrauchbar.

Ein richtiger Narzisst ist unfähig zu erkennen, dass er Probleme hat bzw. das Problem ist und würde nie von selber in Therapie gehen. Die einzigen Narzissten in Therapie wurden vermutlich unter Androhung von Konsequenzen von ihren Partnern in Therapie geschickt. Aber ich glaube nicht, dass das irgendwas bringen kann, denn Selbstreflexion und Verantwortung bleiben leider Fremdwörter für waschechte Narzissten. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass der Narzisst entweder den Therapeuten abwertet oder seine Rolle so überzeugend spielt, dass auch der Therapeut am Ende glaubt, der Partner des Narzissten sei schuld an allem. Im schlimmsten Fall nutzt der Narzisst die Erkenntnisse aus der Therapie nur dazu, um noch effektivere Manipulationstechniken zu erlernen und noch subtiler abzuwerten.

Oder es passiert das hier:

Narzisst

Narzissten

Pathologische Narzissten sind für mich immer wieder faszinierende Menschen. In meinen Augen ist es einfach unfassbar, wie viel Zerstörung ein einzelner Mensch verursachen und wie tiefe Wunden narzisstischer Missbrauch hinterlassen kann.

Narzissmus finde ich auch deshalb so extrem, weil der narzisstisch gestörte Mensch in der Regel nicht behandelt wird, aber dafür oftmals sein Umfeld in Behandlung müsste, wenn der Narzisst lange genug am Werk war. Eigentlich sollte der Narzisst dringend in Therapie und nachreifen. Aber aufgrund seiner grandiosen Selbstüberschätzung und mangelnden Reflexion erkennt er nicht, dass seine Störung im Grunde das entscheidende Problem in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen darstellt. Und verursacht so munter Chaos und Zerstörung im Leben seiner nahen Umgebung. Für mich zeichnet einen waschechten Narzissten Folgendes aus:

  • schwaches Selbstvertrauen. Versucht der Narzisst zu kompensieren mit grandios überzogener Selbstdarstellung
  • Mangel an Empathie und Reue
  • Egozentrik
  • Entwertung anderer, um sich selbst aufzuwerten
  • hochmanipulatives Verhalten
  • überzogene Empfindlichkeit

Ein narzisstisch Gestörter kommt wie ein Wolf im Schafspelz daher und zu Anfang sind Begegnungen mit Narzissten sehr beschwingend, denn sie wirken oftmals charmant und lässig. Doch je näher man dem eigentlichen Menschen kommt, desto widersprüchlicher und irritierender werden die Verhaltensweisen. Als geübter Beobachter merkt man recht schnell, dass das Selbstvertrauen nur aufgesetzt ist und sich dahinter ein zutiefst verletzliches Wesen befindet. Diese Verletzlichkeit bedeutet für Narzissten jedoch eine Schwäche, die niemand sehen darf. Vor allem sie selbst nicht. Narzissten schämen sich so sehr vor ihrer eigenen Minderwertigkeit, dass sie über Leichen gehen würden, um ihr aufgesetztes, Gott gleiches Selbstbild aufrechterhalten zu können. Also wird der Narzisst bei dem kleinsten Gegenwind munter austeilen und jeden massiv abwerten, der ihm zu Nahe kommt. Das hat nichts mit gesunden menschlichen Grenzen zu tun, denn der Narzisst zeigt nicht, wo seine Grenzen liegen. Er wertet stattdessen massiv ab, wenn man sich seinen Grenzen auch nur nähert. Er selbst übertritt munter Grenzen und akzeptiert diese nicht, selbst wenn man sie ihm mehr als deutlich zeigt. So verschwimmen die eigenen Grenzen zu einem merkwürdigen Brei im Umgang mit Narzissten.
Ein Narzisst kann sich nicht vorstellen, dass ihn jemand um seiner selbst willen mag. Also spielt er diese Rolle der selbstbewussten Person und greift auf hochmanipulatives Verhalten zurück, damit er Menschen in seine Nähe ziehen kann. Es ist wirklich traurig, für wie minderwertig sich Narzissten eigentlich halten und wäre das Verhalten von Narzissten nicht so schädlich, könnte man wirklich Mitleid haben.
Ein trotziges Kind ist fair in seinem Verhalten im Vergleich zu einem malignen Narzissten. Der Narzisst fordert alles, aber gibt nicht viel mehr als nichts. Was er fordert: grenzenlose Bewunderung, keinerlei Kritik, Wahren seiner Grenzen und noch viel mehr. Was er gibt: massive Grenzüberschreitungen, Abwertungen weit unter der Gürtellinie sowie andauernde Respektlosigkeiten und Sticheleien. „Wenig geben, alles kriegen“ oder auch „Wasch‘ mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ scheint das Motto von Narzissten zu sein.

Ich selbst bin als Kind eines narzisstisch gestörten Vaters groß geworden und das ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Als kleines Kind fand ich ihn noch großartig und es war auch toll, dass er sich wirklich um mich gekümmert hat. Aber je älter ich wurde, desto anstrengender wurde das Zusammenleben. Denn die Rollen in unserer Beziehung haben sich mehr und mehr vertauscht. Ich schätze, ich war etwa 10, als sich unser Rollenverhältnis anfing zu drehen. Ab diesem Zeitpunkt wollte er mehr von mir haben, als er zu geben im Stande war. Egal was ich getan habe, er hat immer noch mehr von mir als Kind gefordert; vor allem Bewunderung, Aufmerksamkeit und Bestätigung. Jedes meiner Probleme und Bedürfnisse hat er  so aufgefasst, als ob ich ihn damit belästige und seine kostbare Energie vergeude. Schließlich hätte ich nach seiner Auffassung die Zeit ja sinnvoller nutzen können und ihn bewundern können, statt über Quatsch wie meine Sorgen, Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen. Die Konsequenz davon war, dass ich so gelernt habe, nicht über eigene Probleme zu reden und meine Bedürfnisse nicht über die anderer zu stellen.
Wer narzisstischen Missbrauch in seiner Kindheit erlebt hat, lernt erst viel später auf sich und seine Gefühle zu achten. Heute beziehe ich eigentlich immer Position, bringe meine Gefühle zur Sprache und rede auch über meine Bedürfnisse. Aber ich halte automatisch die Bedürfnisse anderer für wichtiger als meine. Diesen Automatismus habe ich in meiner Kindheit gelernt und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich der wichtigste Mensch in meinem Leben bin. Nein zu sagen, gesunden Egoismus und das Recht zu haben, Grenzen ziehen zu dürfen, musste ich mühsam als Erwachsener lernen. So geht es vielen Menschen, die mit narzisstischem Missbrauch aufgewachsen sind. Aber das schöne ist, dass man als gesunder Mensch nachreifen kann, während Narzissten leider immer Kinder im Erwachsenenkostüm bleiben. So kämpfen sie als Peter Pans dieser Welt weiter gegen imaginäre Captain Hooks und merken nicht mal, dass sie dabei eigentlich nur sich selbst bekämpfen.

Wahre Gefühlshelden

Ich bin immer wieder erstaunt, wie verwirrend die eigene Gefühlswelt für mich und andere ist. Irgendwie wirkt es so, als hätten wir auf vielen Gebieten mächtiges Wissen angehäuft, aber die Gefühlswelt ist immer noch Neuland. Und ich habe nicht wirklich das Gefühl, dass irgendwas in dieser Richtung besser wird. Dank facebook und co. ist jeder in einer permanenten „alles cool“ Schiene gefangen. Jeder gibt gerne die auf Hochglanz polierte Fassade preis, damit andere neidisch werden. Oder wir verstecken uns hinter Sarkasmus und einer aufgesetzten „scheiß egal“ Haltung. Doch wie sieht es wirklich bei den meisten aus?!

Wirklich zu sich und seinen wahren Gefühlen zu stehen und für diese Verantwortung zu übernehmen, scheint den wenigsten zu gelingen. Dabei macht dies für mich wahres Selbstvertrauen aus. Stets so zu tun, als ob einen nichts emotional bewegt, ist der Weg von Feiglingen, deren aufgesetztes Selbstvertrauen brüchig ist ohne Ende. Scheinbar hat keiner Ängste oder Schwächen, weil das uncool wäre. Ich glaube, jeder von uns versteckt sich nur allzu gerne hinter vollen Terminkalendern und oberflächlicher Coolness, um zu verschleiern, dass ein jeder auch Ängste hat: Zukunftssorgen, Verlustängste und Versagensängste. Sich diese einzugestehen und sich diesen zu stellen, zeigt aber, ob jemand wirklich mutig ist. Viele aus unserer Generation (mich eingeschlossen) haben den Absprung aus schamhaftem Kleinkindverhalten nur bedingt geschafft. Wir betonen so sehr cool zu sein und uns nie zu schämen, dass unsere Scham jedem neutralen Beobachter förmlich ins Gesicht springt.

Irgendwie ist doch alles eine Lüge ohne Ende: Wir alle wollen die große Liebe finden, Erfüllung im Job, Selbsterkenntnis und tiefe Freundschaften. Gleichzeitig schämen wir uns aber alles von uns preiszugeben und das schlimmste wäre, als gewöhnlich oder uncool zu gelten. So denken doch aber eigentlich nur Kinder und Teenies. Nur weigert sich unsere Generation scheinbar penetrant, emotional erwachsen zu werden. Dazu zu stehen, in manchen Dingen uncool zu sein, ist für mich wirklich cool.

Wie viele Beziehungen mit Potential sind wohl schon gescheitert, weil beide zu viel Angst hatten zu ihren Schwächen zu stehen?! Stattdessen taten beide cool und haben verhindert, dass sie sich wirklich begegnet sind. Als Abschied kann man dann sagen „Es war eine tolle Zeit, aber irgendwas passt halt nicht!“ Was soll dieses „irgendwas“ eigentlich sein, frage ich mich.

Wie viele meiner Generation habe auch ich von Haus aus eingetrichtert bekommen, dass es gute und schlechte Gefühle gibt. Gute Gefühle wie Liebe und Freude wollen wir alle permanent spüren, doch wehe jemand kommt mit den negativen wie Ängsten an. Leute mit „schlechten“ Gefühlen werden gemieden und als anstrengend abgetan. Dabei halten diese uns doch meistens nur den Spiegel vor und uns gefällt an uns nicht, was wir im Anderen sehen. Nur ist es einfacher, den Anderen als Versager abzutun statt auf uns zu schauen. Was lösen die Schwächen und Ängste des Anderen in uns aus? Dazu zu stehen, dass auch wir Ängste und dunkle Seiten haben, könnte echte Vertrautheit und eine tiefe Verbindung schaffen. Doch dazu müsste man sich aus seinem Schneckenhaus der Coolness trauen. Unsere feel good Gesellschaft hat mMn aus den Augen verloren, dass grenzenlose Freude nur derjenige fühlen kann, der auch Verzweiflung kennt: Kein Leben ohne Tod, Yin und Yang und so. Insofern ist mir diese Bewertung der Gefühle schleierhaft.

Wie konnte sich dieser gefährlich Trend nur entwickeln? Jedes Gefühl, dass wir weg drücken und per se nicht fühlen wollen, wird uns mehr und mehr beherrschen. So entstehen meiner Meinung nach die meisten psychischen Krankheiten. Und weil wir panisch davor weglaufen, unangenehme Gefühle zu spüren, verabscheuen viele gerade die Mitmenschen, die zu ihren Ängsten und Schwächen stehen. Dabei sind das doch die wahren Helden! Diejenigen, die wirklich zu sich und ihren Gefühlen stehen.
Jeder kann cool sein und nichts an sich ran lassen, alles als positive Erfahrung abspeichern und im Nachhinein verklären, wie toll alles doch war. Wirklichen Mut beweist in meinen Augen derjenige, der zu sich und allen seinen Gefühlen steht und Verantwortung dafür übernimmt. Der auch sagen kann, wenn was enttäuschend war und der zugibt, sich manchmal schwach zu fühlen. Eigentlich ist der Weg doch denkbar easy im Umgang mit Gefühlen: nichts weg drücken und bewerten, sondern alles anschauen und annehmen. Nur durch radikale Selbstakzeptanz kann man heilen und sich verändern. Wieso schämen wir uns nur kollektiv zu unseren Gefühlen zu stehen? Und werden so zu einer gesichtslosen Horde von emotionalen Krüppeln, die vor lauter Angst vor der Angst von ihrer Angst beherrscht werden. Durch dieses Wegdrücken und Nicht-spüren-wollen füttern wir doch unsere inneren Dämonen bis diese übermächtig werden. Mit der Konsequenz, dass wir fast gar nix mehr fühlen. Zwar nicht mehr die unangenehmen Gefühle, aber auch nicht die angenehmen.
Ist dieser Affentanz das wirklich wert?!