Wahre Gefühlshelden

Ich bin immer wieder erstaunt, wie verwirrend die eigene Gefühlswelt für mich und andere ist. Irgendwie wirkt es so, als hätten wir auf vielen Gebieten mächtiges Wissen angehäuft, aber die Gefühlswelt ist immer noch Neuland. Und ich habe nicht wirklich das Gefühl, dass irgendwas in dieser Richtung besser wird. Dank facebook und co. ist jeder in einer permanenten „alles cool“ Schiene gefangen. Jeder gibt gerne die auf Hochglanz polierte Fassade preis, damit andere neidisch werden. Oder wir verstecken uns hinter Sarkasmus und einer aufgesetzten „scheiß egal“ Haltung. Doch wie sieht es wirklich bei den meisten aus?!

Wirklich zu sich und seinen wahren Gefühlen zu stehen und für diese Verantwortung zu übernehmen, scheint den wenigsten zu gelingen. Dabei macht dies für mich wahres Selbstvertrauen aus. Stets so zu tun, als ob einen nichts emotional bewegt, ist der Weg von Feiglingen, deren aufgesetztes Selbstvertrauen brüchig ist ohne Ende. Scheinbar hat keiner Ängste oder Schwächen, weil das uncool wäre. Ich glaube, jeder von uns versteckt sich nur allzu gerne hinter vollen Terminkalendern und oberflächlicher Coolness, um zu verschleiern, dass ein jeder auch Ängste hat: Zukunftssorgen, Verlustängste und Versagensängste. Sich diese einzugestehen und sich diesen zu stellen, zeigt aber, ob jemand wirklich mutig ist. Viele aus unserer Generation (mich eingeschlossen) haben den Absprung aus schamhaftem Kleinkindverhalten nur bedingt geschafft. Wir betonen so sehr cool zu sein und uns nie zu schämen, dass unsere Scham jedem neutralen Beobachter förmlich ins Gesicht springt.

Irgendwie ist doch alles eine Lüge ohne Ende: Wir alle wollen die große Liebe finden, Erfüllung im Job, Selbsterkenntnis und tiefe Freundschaften. Gleichzeitig schämen wir uns aber alles von uns preiszugeben und das schlimmste wäre, als gewöhnlich oder uncool zu gelten. So denken doch aber eigentlich nur Kinder und Teenies. Nur weigert sich unsere Generation scheinbar penetrant, emotional erwachsen zu werden. Dazu zu stehen, in manchen Dingen uncool zu sein, ist für mich wirklich cool.

Wie viele Beziehungen mit Potential sind wohl schon gescheitert, weil beide zu viel Angst hatten zu ihren Schwächen zu stehen?! Stattdessen taten beide cool und haben verhindert, dass sie sich wirklich begegnet sind. Als Abschied kann man dann sagen „Es war eine tolle Zeit, aber irgendwas passt halt nicht!“ Was soll dieses „irgendwas“ eigentlich sein, frage ich mich.

Wie viele meiner Generation habe auch ich von Haus aus eingetrichtert bekommen, dass es gute und schlechte Gefühle gibt. Gute Gefühle wie Liebe und Freude wollen wir alle permanent spüren, doch wehe jemand kommt mit den negativen wie Ängsten an. Leute mit „schlechten“ Gefühlen werden gemieden und als anstrengend abgetan. Dabei halten diese uns doch meistens nur den Spiegel vor und uns gefällt an uns nicht, was wir im Anderen sehen. Nur ist es einfacher, den Anderen als Versager abzutun statt auf uns zu schauen. Was lösen die Schwächen und Ängste des Anderen in uns aus? Dazu zu stehen, dass auch wir Ängste und dunkle Seiten haben, könnte echte Vertrautheit und eine tiefe Verbindung schaffen. Doch dazu müsste man sich aus seinem Schneckenhaus der Coolness trauen. Unsere feel good Gesellschaft hat mMn aus den Augen verloren, dass grenzenlose Freude nur derjenige fühlen kann, der auch Verzweiflung kennt: Kein Leben ohne Tod, Yin und Yang und so. Insofern ist mir diese Bewertung der Gefühle schleierhaft.

Wie konnte sich dieser gefährlich Trend nur entwickeln? Jedes Gefühl, dass wir weg drücken und per se nicht fühlen wollen, wird uns mehr und mehr beherrschen. So entstehen meiner Meinung nach die meisten psychischen Krankheiten. Und weil wir panisch davor weglaufen, unangenehme Gefühle zu spüren, verabscheuen viele gerade die Mitmenschen, die zu ihren Ängsten und Schwächen stehen. Dabei sind das doch die wahren Helden! Diejenigen, die wirklich zu sich und ihren Gefühlen stehen.
Jeder kann cool sein und nichts an sich ran lassen, alles als positive Erfahrung abspeichern und im Nachhinein verklären, wie toll alles doch war. Wirklichen Mut beweist in meinen Augen derjenige, der zu sich und allen seinen Gefühlen steht und Verantwortung dafür übernimmt. Der auch sagen kann, wenn was enttäuschend war und der zugibt, sich manchmal schwach zu fühlen. Eigentlich ist der Weg doch denkbar easy im Umgang mit Gefühlen: nichts weg drücken und bewerten, sondern alles anschauen und annehmen. Nur durch radikale Selbstakzeptanz kann man heilen und sich verändern. Wieso schämen wir uns nur kollektiv zu unseren Gefühlen zu stehen? Und werden so zu einer gesichtslosen Horde von emotionalen Krüppeln, die vor lauter Angst vor der Angst von ihrer Angst beherrscht werden. Durch dieses Wegdrücken und Nicht-spüren-wollen füttern wir doch unsere inneren Dämonen bis diese übermächtig werden. Mit der Konsequenz, dass wir fast gar nix mehr fühlen. Zwar nicht mehr die unangenehmen Gefühle, aber auch nicht die angenehmen.
Ist dieser Affentanz das wirklich wert?!

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10 Gedanken zu “Wahre Gefühlshelden

  1. Wow! Dieser Artikel hat mich echt tief berührt. Du schreibst nahezu exakt entlang der emotional-kognitiven Bahnen, die mir auch durch den Kopf gehen. Dein und mein Antrieb sind offenbar sehr ähnlich – und ich wette, es lassen sich noch viele weitere Menschen wie uns finden. Wir fragen nach dem Warum, weil wir nicht verstehen können, warum jemand sich der melancholischen Schönheit des Lebens vorsätzlich verwehrt, während wir versuchen, auch die (emotionalen) Rückschläge konstruktiv in die (ganzheitliche) Entwicklung unseres Seins zu integrieren. Leider befürchte ich sind wir da etwas zu optimistisch in unserer Helferrolle. Die anderen, die die Frage nach dem Warum nicht stellen, suchen möglicherweise nicht mehr. Sie haben keine Motivation mehr. Sie haben aufgegeben mit weit offenen Augen nach Wahrheit (in sich selbst) zu suchen, weil sie aufgrund eines wirklich schlimmen Ereignisses so sehr geblendet wurden, dass sie fast erblindet waren. Seitdem trauen sie sich nicht mehr die Augen richtig zu öffnen. Und so entgeht ihnen die Schönheit des Lebens. Ihre eigene Motivation, sich für das Schöne zu interessieren, freizulegen und zu reaktivieren, ist das einzige, was gemacht werden kann von uns. Durch ewige Wiederholung, bis diese einzig wirklich lebenswichtige Erkenntnis als positives Introjekt in die untersten Schichten der Seele eingesunken ist.

    Interessant ist neben der geistigen-emotionalen Durchdringung dieses Themas, dass es für alles dabei physische Repräsentationen gibt – geringerer Durchmesser der Amygdala, erhöhte Adrenalinwerte, geringe Oxytocinwerte etc. Einige der physischen Faktoren (Erhöhen des Oxytocinpegels, senken des Adrenalinpegels, Erhöhung des Dopaminpegels) lassen sich interessanterweise im Rahmen einer Therapie temporär medikamentös switchen, sodass eine Neuprogrammierung des Gehirns nachhaltig möglich wird und damit auch das Verhalten neu ausgerichtet werden kann. Es bleibt aber dennoch Arbeit für jeden, der sich damit befasst…
    http://www.maps.org/research-archive/mdma/ptsdpaper.pdf

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  2. Noch als kleiner Nachtrag… Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) wird in den USA häufig einfach als Soziopathie eingestuft. Ich bin heute in diesem Zusammenhang auf den Artikel dieser Soziopathin gestoßen, den ich JEDEM emotionalen Mann zum Stählen der Selbstverteidungsinstinkte empfehlen möchte: http://datingasociopath.com/2013/07/17/thoughts-written-by-a-female-sociopath/
    Hier ein paar Zitate der Frau:
    >> I can do these things for myself whilst giving the impression that I am a moral person that is not a user
    >> I find going to work so much easier than the housewife role, I detest being in that situation.
    >> like [men] to be like lapdogs. I want to destroy all aspects of thier life so that I am all that’s left and the centre of their world.
    >> I do have a very high sex drive but hide it well from society because, again, I want to give an impression of being normal.
    >> I cannot bear responsibilities.
    >> Outside of the houe I will conform and do a good job at my employment but it is just for impression management.
    >> I detest housework, children, compromise… All the tings that are expected from a good little woman.

    Schon finster…
    Wer noch mehr lesen will, wie der Zusammenhang von Soziopathie und Borderline ist, soll mal hier schauen: http://www.softpanorama.org/Social/Toxic_managers/female_sociopaths.shtml

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  3. Nochwas: die Gray-Rock Strategie sollte man sich auch mal angeschaut haben. Sofern man den leisesten Eindruck, dass irgendwas im Busch ist, sollte man diese Selbstverteidigungsstrategie im Hinterkopf halten und ausprobieren. Anhand der Reaktionen der Partnerin kann man recht genau eingrenzen, wen man da vor sich hat.

    Sprich: wenn man noch in der Beziehung zur Borderlinerin steckt und man aus welchen Gründen auch immer die No-Contact-Strategie nicht fahren kann, dann sollte man sich Gray-Rock anschauen.

    Kernprinzip von Gray-Rock ist: die eigenen Emotionen weitestgehend zurückhalten, damit sie vom Gegenüber nicht aufgesogen werden können. Man soll keine (wilden) Aktionen machen und am besten gar keine. Nicht Spazieren-Gehen, kein Kino… gar nichts. Man soll permanente Lustlosigkeit vorspielen. Und wer es noch besser kann: am besten einen auf depressiv machen.

    Dies führt zu zweierlei: einerseits bekommt die Borderlinerin dann nicht mehr ihren benötigten Thrill und andererseits bewahren wir unserer kostbare Energie in uns. Wir bewahren damit die Energie für die Reflexionsebene, aus der wir heraus bewusst handeln können und halten die Kontrolle.

    In meinem Fall waren die Methoden der Borderlinerin, mich aus der Ruhe zu bringen, allerdings auch nicht zu verachten. Die Vorwürfe kehrten sich bereits nach einigen Tagen um (Konzept der Gegenübertragung): ich wäre der unemotionale Mensch, der nicht aus sich herausgehen kann und der nicht emotional wäre. Wenn das passiert, ist klar, dass man den richtigen Weg gewählt hat. Denn dieser Vorwurf ist die Beschwerde, dass man die Energie nicht mehr zur Verfügung stellt. Die Partnerin zeigte damit bei mir, dass sie keinerlei Einfühlungsvermögen hatte.

    Letzte Sache ist dann noch: Sex reduzieren. Das dürfte für einige Männer vlt. sogar das größte Problem sein. Aber es muss sein. Sobald ich allerdings bemerkte, dass mich meine Partnerin betrügt, hatte ich ohnehin schon kaum noch Lust auf Sex. Ist mir einfach zu eklig, mir vorzustellen, dass ich sie küsse oder berühre, wo stunden vorher noch jemand anders… bähhhhhh… widerlich…

    Mehr über Gray-Rock hier:
    http://www.lovefraud.com/2012/02/10/the-gray-rock-method-of-dealing-with-psychopaths/

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    • Äh…ja…und jetzt meine Frage: Was soll diese Strategie? Sich selbst kasteien und aufgeben, damit was genau passiert? Sex reduzieren, nicht mehr ins Kino gehen und Depressionen vorspielen?
      Ich halte diese Strategien für ziemlich riskant und außerdem verleugnet man sich so selbst immer mehr. Eine Trennung ist hart und scheint erstmal unmöglich. Doch realisitisch betrachtet sind die Schmerzen nach der Trennung ein Spaziergang im Vergleich zu dem was einem in einer destuktiven Beziehung über Jahre passieren kann und was sie aus einem Menschen machen kann. Der Schritt sich zu trennen ist hart und wird schmerzhaft, aber ich persönlich sehe dazu keine Alternative.

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