Narzissten

Pathologische Narzissten sind für mich immer wieder faszinierende Menschen. In meinen Augen ist es einfach unfassbar, wie viel Zerstörung ein einzelner Mensch verursachen und wie tiefe Wunden narzisstischer Missbrauch hinterlassen kann.

Narzissmus finde ich auch deshalb so extrem, weil der narzisstisch gestörte Mensch in der Regel nicht behandelt wird, aber dafür oftmals sein Umfeld in Behandlung müsste, wenn der Narzisst lange genug am Werk war. Eigentlich sollte der Narzisst dringend in Therapie und nachreifen. Aber aufgrund seiner grandiosen Selbstüberschätzung und mangelnden Reflexion erkennt er nicht, dass seine Störung im Grunde das entscheidende Problem in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen darstellt. Und verursacht so munter Chaos und Zerstörung im Leben seiner nahen Umgebung. Für mich zeichnet einen waschechten Narzissten Folgendes aus:

  • schwaches Selbstvertrauen. Versucht der Narzisst zu kompensieren mit grandios überzogener Selbstdarstellung
  • Mangel an Empathie und Reue
  • Egozentrik
  • Entwertung anderer, um sich selbst aufzuwerten
  • hochmanipulatives Verhalten
  • überzogene Empfindlichkeit

Ein narzisstisch Gestörter kommt wie ein Wolf im Schafspelz daher und zu Anfang sind Begegnungen mit Narzissten sehr beschwingend, denn sie wirken oftmals charmant und lässig. Doch je näher man dem eigentlichen Menschen kommt, desto widersprüchlicher und irritierender werden die Verhaltensweisen. Als geübter Beobachter merkt man recht schnell, dass das Selbstvertrauen nur aufgesetzt ist und sich dahinter ein zutiefst verletzliches Wesen befindet. Diese Verletzlichkeit bedeutet für Narzissten jedoch eine Schwäche, die niemand sehen darf. Vor allem sie selbst nicht. Narzissten schämen sich so sehr vor ihrer eigenen Minderwertigkeit, dass sie über Leichen gehen würden, um ihr aufgesetztes, Gott gleiches Selbstbild aufrechterhalten zu können. Also wird der Narzisst bei dem kleinsten Gegenwind munter austeilen und jeden massiv abwerten, der ihm zu Nahe kommt. Das hat nichts mit gesunden menschlichen Grenzen zu tun, denn der Narzisst zeigt nicht, wo seine Grenzen liegen. Er wertet stattdessen massiv ab, wenn man sich seinen Grenzen auch nur nähert. Er selbst übertritt munter Grenzen und akzeptiert diese nicht, selbst wenn man sie ihm mehr als deutlich zeigt. So verschwimmen die eigenen Grenzen zu einem merkwürdigen Brei im Umgang mit Narzissten.
Ein Narzisst kann sich nicht vorstellen, dass ihn jemand um seiner selbst willen mag. Also spielt er diese Rolle der selbstbewussten Person und greift auf hochmanipulatives Verhalten zurück, damit er Menschen in seine Nähe ziehen kann. Es ist wirklich traurig, für wie minderwertig sich Narzissten eigentlich halten und wäre das Verhalten von Narzissten nicht so schädlich, könnte man wirklich Mitleid haben.
Ein trotziges Kind ist fair in seinem Verhalten im Vergleich zu einem malignen Narzissten. Der Narzisst fordert alles, aber gibt nicht viel mehr als nichts. Was er fordert: grenzenlose Bewunderung, keinerlei Kritik, Wahren seiner Grenzen und noch viel mehr. Was er gibt: massive Grenzüberschreitungen, Abwertungen weit unter der Gürtellinie sowie andauernde Respektlosigkeiten und Sticheleien. „Wenig geben, alles kriegen“ oder auch „Wasch‘ mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ scheint das Motto von Narzissten zu sein.

Ich selbst bin als Kind eines narzisstisch gestörten Vaters groß geworden und das ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Als kleines Kind fand ich ihn noch großartig und es war auch toll, dass er sich wirklich um mich gekümmert hat. Aber je älter ich wurde, desto anstrengender wurde das Zusammenleben. Denn die Rollen in unserer Beziehung haben sich mehr und mehr vertauscht. Ich schätze, ich war etwa 10, als sich unser Rollenverhältnis anfing zu drehen. Ab diesem Zeitpunkt wollte er mehr von mir haben, als er zu geben im Stande war. Egal was ich getan habe, er hat immer noch mehr von mir als Kind gefordert; vor allem Bewunderung, Aufmerksamkeit und Bestätigung. Jedes meiner Probleme und Bedürfnisse hat er  so aufgefasst, als ob ich ihn damit belästige und seine kostbare Energie vergeude. Schließlich hätte ich nach seiner Auffassung die Zeit ja sinnvoller nutzen können und ihn bewundern können, statt über Quatsch wie meine Sorgen, Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen. Die Konsequenz davon war, dass ich so gelernt habe, nicht über eigene Probleme zu reden und meine Bedürfnisse nicht über die anderer zu stellen.
Wer narzisstischen Missbrauch in seiner Kindheit erlebt hat, lernt erst viel später auf sich und seine Gefühle zu achten. Heute beziehe ich eigentlich immer Position, bringe meine Gefühle zur Sprache und rede auch über meine Bedürfnisse. Aber ich halte automatisch die Bedürfnisse anderer für wichtiger als meine. Diesen Automatismus habe ich in meiner Kindheit gelernt und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich der wichtigste Mensch in meinem Leben bin. Nein zu sagen, gesunden Egoismus und das Recht zu haben, Grenzen ziehen zu dürfen, musste ich mühsam als Erwachsener lernen. So geht es vielen Menschen, die mit narzisstischem Missbrauch aufgewachsen sind. Aber das schöne ist, dass man als gesunder Mensch nachreifen kann, während Narzissten leider immer Kinder im Erwachsenenkostüm bleiben. So kämpfen sie als Peter Pans dieser Welt weiter gegen imaginäre Captain Hooks und merken nicht mal, dass sie dabei eigentlich nur sich selbst bekämpfen.

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2 Gedanken zu “Narzissten

  1. Und so passiert es immer wieder, das Narzissten sich Gegenstücke aussuchen die genau den selben Mangel haben und auf einmal „spiegelt“ sich alles.
    Der psychisch „gesunde“ erkennt das Muster schnell, der psychisch „kranke“ mit wenig Selbstwertgefühl, wird seiner Energie beraubt.

    Dennoch sind Narzissten „bewusstlos“ und genau das macht mich so wütend und betroffen zugleich.

    Danke für diesen Beitrag. 😉

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  2. Ich gebe dir auf jeden Fall recht: Diese emotionale Mixtur aus Wut und Betroffenheit/Mitleid, die man im Umgang mit Narzissten erlebt, macht es ja so schwierig. Ich bin auch immer wieder hin und her gerissen zwischen Mitleid mit einem eigentlich armen Menschen und Wut wegen dem schädlichen Verhalten.

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