Gefühle und die Gefahr von emotionalem Missbrauch

In meinem letzten Beitrag zum Thema Gefühle habe ich beschrieben, wie traurig es ist, dass sich so viele Menschen nicht trauen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Und so traurig der Umstand auch ist, so verständlich finde ich ihn doch auch auf der anderen Seite. Denn wenn wir wirklich zu unseren Gefühlen stehen, zeigen wir unser wahres Ich. Wir können die coole Fassade immer aufrecht erhalten, wenn wir wollen. Wir können Beziehungen, Freundschaften und Sex mit anderen Menschen haben ohne wirklich unsere wahren Gefühle zu offenbaren. Erst wenn wir unsere Gefühle offenbaren, stehen wir einem anderen Menschen wahrhaftig nackt gegenüber. Ich muss echt schmunzeln, wenn ich das so schreibe. Noch vor 1 Jahr hätte ich den Verfasser solcher Zeilen wahrscheinlich als waschechten Waschlappen bezeichnet, der sich mit Mädchenkram beschäftigt. Bevor ich in einer Missbrauchsbeziehung war, war ich solchen Themen gegenüber nicht wirklich aufgeschlossen. Erst durch diese „Beziehung“ habe ich erfahren, was mit Einem passieren kann, wenn man nicht auf seine Gefühle vertraut und wie es sich anfühlt, wenn man emotional missbraucht wird.

Und das erklärt für mich auch, warum es wichtig ist, nicht jedem sein Innerstes zu offenbaren:

  1. Nicht jeden interessiert es, was man gerade fühlt. Wenn jemand z.B. der Penny-Verkäuferin erzählt, dass er gerade ganz schrecklich unter Verlustangst leidet, schafft er dadurch sicherlich keine tiefe zwischenmenschlich Begegnung. So ein Verhalten zeugt eher von mangelhaft ausgeprägten persönlichen Grenzen bzw. er verletzt damit sogar die Grenzen des Anderen, der damit verständlicherweise nichts anfangen kann. Ein derartiges Verhalten schreckt das Gegenüber verständlicherweise ab und zeugt nicht gerade von Taktgefühl. Daher denke ich, dass Gefühlsäußerungen der jeweiligen Beziehung angemessen sein sollten. Meiner Freundin kann ich sagen, wenn mich ihr Verhalten verletzt. Genauso kann ich ihr sagen, dass ich es liebe, wenn sie dieses und jenes macht. Meinem Fitness Studio Kumpel kann ich sagen, dass es cool ist, mit ihm zusammen zu pumpen. Ich würde allerdings nicht sagen, dass ich eifersüchtig bin, wenn er mit einem anderen Bankdrücken macht.
  2. Man wird verletzbar, wenn man seine Gefühle offenbart. Da ist der wohl entscheidende Grund, warum es einem so schwer fällt zu seinen Gefühlen zu stehen. Wenn man seine Gefühle offenbart und sein Innerstes gezeigt hat, begibt man sich stets in Gefahr, abgelehnt zu werden. Ich finde es dabei gar nicht schlimm, wenn jemande meine Gefühle nicht verstehen kann. Sind ja auch meine und daher ist es verständlich, dass der andere das nicht so fühlen und verstehen muss. Reicht mir schon, dass er mich mit meinen Gefühlen stehen lassen kann und akzeptiert, was ich fühle. Bitter wird es dann, wenn die Gefühle vom Gegenüber als krank abgestempelt werden. Sollte das regelmäßig vorkommen, sollte man sich von der Person so gut es geht entfernen. Denn emotionale Missbrauchstäter sind gefährlich fürs eigene Wohlbefinden und kontinuierlicher emotionaler Missbrauch kann das Selbstwertgefühl empfindlich verletzen.
    Schwierig wird es stets dann, wenn man in einer nahen Beziehung zu einem Missbrauchstäter steht. Es gibt ja Menschen, die propagieren, dass einen nichts treffen darf, was andere sagen oder tun. Aber wir sind nun mal Menschen und damit soziale Wesen. Und daher spielen gerade unsere nahen Beziehungen eine Rolle und hier trifft einen emotionalen Missbrauch umso härter. Wenn einen das nicht trifft, zeugt das mMn eher von Gefühlskälte und mangelndem Interesse am Anderen als von Stärke oder Selbstvertrauen. Daher habe ich für mich folgende Regel aufgestellt: Wertet der andere kontinuierlich meine Gefühle ab, gehe ich zum Selbstschutz auf Distanz zu dieser Person. Wenn ich diese Person nicht komplett aus meinem Leben ausschließen kann, belasse ich es bei oberflächlichem Kontakt. Mehr geht aber nicht mit solchen Kandidaten.
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4 Gedanken zu “Gefühle und die Gefahr von emotionalem Missbrauch

  1. Soweit so gut, doch es gibt da noch andere Aspekte, zum Beispiel diesen: Gefühle sind für den, der sie empfindet, eine Wahrheit. Doch sie sind nicht die Wahrheit. Denn die Gefühle des anderen zum gleichen Sachverhalt können ganz andere sein. Und ich erlebe es recht oft bei problematischen Persönlichkeiten, dass sie diese Relation nicht zulassen wollen. Erst wenn man diese Relation zulässt, kann man für sich auch erfahren, dass die eigenen Empfindungen relativ sind und sich auch mal irren können.
    Letztlich müsste man hierzu auch zwischen Gefühl und Empfindung unterscheiden. Gefühl ist unmittelbar und Ausdruck. Empfindung ist eher mittelbar und Eindruck.

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    • Das stimmt wohl. Vielleicht fehlt in meinem Beitrag der Zusatz, dass man zunächst mal Verantwortung für seine Gefühle übernehmen sollte. Und Verantwortung übernehmen bedeutet für mich in dem Fall auch zu verdeutlichen, dass es sich hierbei um MEINE Wahrheit handelt. Jeder hat ja das Recht auf seine Realität. Problematisch finde ich Personen, die permanent definieren wollen, wie MEINE Realität auszusehen hat.

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  2. Gefühle sind der Anknüpfungspunkt für Manipulationen (i.e.S. -> bösartige Manipulationen).

    Damit das eigene System nicht von außen korrumpiert wird, ist besser die eigenen Gefühle runterzufahren und abzuschotten, denke ich. Bei mir passiert das in bestimmten Situationen automatisch; es ist schwierig zu beschreiben.

    Ironischerweise kam ausgerechnet von den übergriffig-manipulativen Gestalten mitunter der Vorwurf, dass ich gefühlskalt & abnorm wäre, wenn sie dann nicht weitergekommen sind bei ihren Manipulationsversuchen für die sie ein „emotional präsentes“ Gegenüber brauchen; der Zugriff auf das Innere scheint bei denen sonst nicht oder zumindest nicht wie er sollte zu funktionieren. Für mich sind sie es, die gefühlskalt sind bezogen auf ihre Mitmenschen und nicht zur (affektiven) Empathie fähig.

    Für mich hat das nichts damit zu tun, ob man zu seinen Gefühlen steht. Es ist schlicht ein Überlebensmodus/ein Teil des Selbstschutzsystems vor kranken/gestörten Mitmenschen.

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  3. p.s.:
    Ich denke auch, dass es ganz allgemein Unterschiede darin gibt, inwiefern jemand seine Empfindungen nach Außen zeigt abhängig vom Ausmaß der Intro- oder Extraversion.

    Bei mir ist es z.B. so, dass ich sehr introvertiert bin und das, was in mir vorgeht i.d.R. erst bewusst nach Außen „übermitteln“ muss, um das auch für Mitmenschen sichtbar zu machen.

    Bei vielen anderen Menschen scheint das ohne so eine willentliche Übersetzungsleistung zu funktionieren.

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