Einsamkeit in Beziehungen

In Deutschland lebt laut aktuellen Erhebungen mehr als ein Drittel der Bevölkerung alleine. In Großstädten leben mehr Menschen alleine als auf dem Land und es ist eine Tendenz in Richtung Single-Gesellschaft erkennbar.

Alleine sein vs. Einsamkeit

Von diesen Singles sind jedoch nicht alle Menschen einsam. Einsamkeit ist in meinen Augen viel eher, wenn man das Gefühl hat, man sei von der Welt komplett abgeschnitten und isoliert von allen Anderen auf sich selbst zurückgeworfen. Man kann sich auch in Gesellschaft einsam fühlen und so das Gefühl haben in einem inneren Gefängnis gefangen und von anderen ausgeschlossen zu sein. Genau so kann man alleine sein und sich nicht einsam fühlen. Gerade die Fähigkeit auch alleine sein auszuhalten und positiv gestalten zu könnnen, ist für mich wichtig für den eigenen Seelenfrieden und mitentscheidend, um eine Beziehung führen zu können.

Wann ich mich einsam gefühlt habe

Ich kenne das Gefühl der Einsamkeit. Seit meinen 20ern war ich nur relativ selten Single und auf mich alleine gestellt. In diesen kürzeren Zeitspannen habe ich aber zum überwiegenden Teil neue, spannende Zeiten erlebt: Neue Städte erkundet und neue Menschen kennengelernt. Es war aber andererseits stellenweise hart alleine in einer fremden Stadt und so ganz auf sich gestellt zu sein. Im Nachhinein haben mir diese Erfahrungen aber geholfen, ein tieferes Selbstvertrauen zu entwickeln, denn es war echt schön für mich zu sehen, dass ich alleine viel erreichen kann, wie z.B. neue Freunde finden und mein Leben fernab gewohnter Pfade meistern.

Was mir geholfen hat, diese Zeiten zu überstehen war, dass ich nie den Kontakt zu meinen alten Freunden und meiner Familie verloren habe. Ich war zwar räumlich getrennt von meiner Umgebung gelebt, aber war doch mit ihnen in Kontakt. Daher habe ich mich auch nie komplett isoliert und  von allem abgeschnitten gefühlt.

Während meiner Borderline Beziehung habe ich mich zum ersten mal komplett einsam gefühlt. Ich war nicht alleine in der Zeit, denn ich bin schon vor der Beziehung in meine Heimatstadt zurück gezogen und hatte hier mein gewohntes Umfeld und meine Heimat um mich herum. Dazu noch eine Beziehung, die ja mal so verheißungsvoll begonnen hat. So mancher würde sich da denken, was man sich in der Situation bloß einsam fühlen kann…Doch ich tat es.

Weshalb ich mich einsam gefühlt habe

Während der Beziehung zu meiner Borderline auffälligen Ex-Freundin habe ich mich vor meine Ex-Freundin gestellt und bin für die Beziehung eingestanden. Klingt zunächst ritterlich ehrenhaft, war für diesen Menschen aber vergeudete Liebesmühe. Ich habe nicht schlecht geredet über sie und wollte unsere Problem intern lösen. Ich habe auch nur bedingt darüber geredet, dass sie mich emotional auslaugt, mit mir Mind Games spielt und mich manipuliert ohne Ende. Als die Beziehung ins Trudeln geraten ist und erste (für mich merkwürdige) Probleme auftauchten, habe ich mich noch meinem Umfeld mitgeteilt. Dabei habe ich aber gemerkt, dass mein Umfeld die Situation nicht richtig greifen konnte. Daher habe ich irgendwann nicht mehr darüber geredet, wie es mir wirklich in der Beziehung geht. Zum einen um nicht schlecht über meine damalige Freundin zu reden und zum anderen, weil ich das Gefühl hatte, mich könnte eh keiner verstehen. So habe ich mich zunehmend einsam, unverstanden und abgeschnitten von allem gefühlt.
Ich habe diese Einsamkeit damals als sehr schmerzhaft empfunden und fühlte ich mich diesem Gefühl ausgeliefert, da ich dachte ich könnte dieser Situation nicht entfliehen. Auch deshalb habe ich so lange an dieser missbräuchlichen Beziehung festgehalten, denn ich fühlte mich ja schon einsam. Wie sollte es also werden, wenn mich auch noch meine Freundin verlässt?! Dann würde ich mich erst recht von der Welt abgeschnitten fühle, dachte ich.

Mein Weg aus der Einsamkeit

Mein Weg aus der Einsamkeit war die Trennung von meiner Ex-Freundin. Ich dachte anfangs, ich wäre ohne sie noch einsamer als ich es ohnehin war. Aber dieses Gefühl der Einsamkeit hatte ich, weil ich an dieser Beziehung festgehalten habe und die Loslösung hat bewirkt, dass ich mich wieder anderen öffnen konnte und nicht einsam geblieben bin.

Mir hat es enorm geholfen, mich nach dem Ende meiner Borderline Beziehung anderen Menschen mitzuteilen. Mein Umfeld hat auch sehr gut und verständnisvoll reagiert. Zuweilen habe ich jedoch bis heute das Gefühl, als wäre gerade diese Erfahrung immer ein Teil, den ich nicht uneingeschränkt erzählen kann. Da viele Menschen nicht begreifen können, was mir passiert ist, wenn ihnen die Erfahrung solcher Beziehungen fehlt. Das kann ich auch niemandem verübeln, denn auch ich hätte früher solche Schilderungen als verletztes Ehrgefühl und überzogene Empfindsamkeit aufgefasst. Daher ist dieser Blog ein guter Weg für mich, um diese Erfahrung mitzuteilen. Das Internet bietet mir durch die größere Anonymität das Gefühl mich selber so weit öffnen zu können, wie ich es für richtig halte.

Ich denke, ich habe mich vor allem deshalb einsam gefühlt, weil ich irgendwann im Laufe der Beziehung angefangen habe, nicht mehr allzu viel von mir preiszugeben. Ich war nicht mehr wirklich offen und habe mich anderen Menschen anvertraut. Ich wollte mit dieser merkwürdigen Beziehung etwas schützen, was ich damals als enorm schützenswert empfunden habe. Daher meine Verschwiegenheit gegenüber Außenstehenden. Mit Abstand betrachtet war aber genau das Gegenteil schützenswert. Bei meinem Umfeld offen und ehrlich und somit wirklich ICH sein zu können, war das wirklich schützenswerte. Als ich wieder schrittweise offen gegenüber meinem Umfeld geworden bin, fühlte ich mich auch nicht mehr wirklich einsam.

Fazit

Nach dem Ende meiner Borderline Beziehung habe ich mich allein gefühlt, aber nie mehr habe ich diese Einsamkeit gespürt, wie während der Beziehung. Für mich entscheidend war dabei, anderen Menschen offen und ehrlich entgegen zu treten. Seitdem genieße ich wieder Zeiten, in denen ich alleine bin und Zeiten, in denen ich unter Menschen bin.

Für mich wäre es heute ein mehr als deutliches Warnsignal, wenn ich mich in einer Beziehung einsam fühlen würde. Würde ich mich über einen längeren Zeitraum kontinuierlich einsam fühle, würde ich die Beziehung genau anschauen:
Fühle ich mich dauerhaft einsam in eine Beziehung? Kann ich diese Situation verändern? Wenn nicht, würde ich diese Beziehung verlassen.

 

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Was unterscheidet destruktive Beziehungen von normalen Beziehungen?

Der Abstand zu meiner destruktiven Beziehung wird immer größer und mittlerweile lebe ich auch wieder in einer Beziehung, die in meinen Augen größtenteils gesund und normal ist. Mir ist dabei klar, dass es ungefähr so viele normale Beziehungen auf dieser Welt gibt, wie es Einhörner gibt. Ich meine hier „normal“ in dem Sinne, dass keiner der Partner kontinuierlich unter der Beziehung leidet.
Mir ist ein echt gravierender Unterschied zwischen normalen und destruktiven Beziehungen aufgefallen, den ich fairerweise mit meiner Umwelt teilen möchte:

Normale Beziehungen durchlaufen Phasen – destruktive Beziehungen bleiben stecken

In gesunden bzw. normalen Beziehungen gibt es eine fortlaufende Entwicklung: Kennenlernen – Verliebtheitsphase – Festigen der Beziehung mit wachsendem Vertrauen – gemeinsame Zukunftspläne. Will man das ganze noch grober unterteilen könnte man es auch in Verliebtheits-  und Liebesphase unterteilen. Klar ist, dass das ganze nicht stromlinienförmig ablaufen muss und es auch immer wieder Rückschläge gibt.  Und auch gesunde Beziehungen können scheitern und tun das auch zuhauf. Dabei gibt es unzählige Gründe wie z.B. recht offensichtliche: der eine Partner ist Veganer und der andere leidenschaftlicher Jäger. Oder weniger offensichtliche: ein Partner ist HSV-Fan und ist davon überzeugt, dass der HSV in den nächsten 5 Jahren Meister wird und der andere ist Realist und möchte niemanden an seiner Seite haben, der ewig in Traumwelten gefangen ist. Oft gibt es auch einfach grundlegende Unterschiede, Ansichten oder Ziele für die eigene Zukunft.

Ich bin der Meinung, dass alle diese Phasen einer Beziehung ihre Berechtigung haben. Dieses Kennenlernen eines fremden Menschen ist komplett spannend. Dieses ganze Spiel beim Daten und die spannende Frage, ob der andere einen mag oder nicht. Verliebtsein ist sowieso der Knaller. Aber: auf Dauer muss sich die Beziehung weiter entwickeln, wenn man mich fragt. Auf Dauer unsicher sein, ob der andere einen mag oder nicht, ist aufregend und anfangs ist die Unsicherheit nicht so dominant wie die positiven Seiten. Aber ohne Gewissheit kein Vertrauen in den anderen und die Beziehung. Und diese Ungewissheit ist dauerhaft nicht zu ertragen. Am Ende kann man nicht immer im Rausch der Verliebtheit verweilen und ohne Netz und doppelten Boden durch die Welt stolpern. Das mag auf den 1. Blick traumhaft wirken: diese alles verzehrende Liebe ohne Grenzen. Jedoch braucht man mMn auch Gewissheiten, wie z.B. der andere mag mich dauerhaft.

Destruktive Beziehungen haben außer der Verliebtheit nicht wirklich viel zu bieten, wenn man das Ganze mal nüchtern und realistisch betrachtet. Dadurch sind die spannend und Verliebtheit ist auch ohne Zweifel großartig. Jedoch sind neben diesen offentsichtlich guten Seiten, wie angenehme und belebende Gefühle, Beziehungen auch deshalb so wertvoll, weil man zur Ruhe kommen kann und einfach mal man selbst ist.
Destruktive Beziehungen wirken auf den ersten Blick spannend und aufregend. Die traurige Wahrheit ist jedoch oft, dass sich die Beziehung einfach nicht weiter entwickelt und man in den 1. Phasen stecken bleibt. Kennenlernen  und Verlieben ist noch drin, aber bei destruktiven Beziehungen von Liebe zu sprechen, halte ich für Blödsinn. Da man nie sicher sein kann, ob der andere einen mag, wirkt es oft so, als würde man den anderen immer wieder neu erobern müssen. Zu Anfang ist das auch sauspannend, aber auf Dauer wird es lahm und ist einfach nur unfassbar kräftezehrend. Einmal den Mount Everest besteigen, ist sicher ein Highlight im Leben. Als professioneller Sherpa immer wieder das Gepäck der Touris auf den Everest schleppen, ist irgendwann einfach nur viel Geschleppe.
Liebe heißt für mich den anderen komplett akzeptieren und vertrauen. In destruktiven Beziehungen herrscht aber Misstrauen vor und mindestens ein Partner akzeptiert im besten Fall nur die postiven Seiten des anderen. Daher bleibt auf Dauer nur eine leere Beziehungshülle ohne Inhalt. Während gesunde Beziehungen weiter wachsen und auch ohne rosarote Brille überleben können, fehlt ungesunden Beziehungen der notwendige Unterbau und alles bricht irgendwann in sich zusammen.

Was habe ich da eigentlich geschrieben?

In letzter Zeit hatte ich viel um die Ohren und habe daher wenig hier geschrieben. Aber ich habe mir mal die Tage mal die Zeit genommen und habe mir meine Seite mal durchgelesen. Frei nach dem Motto: Gilt mein Geschwätz von damals auch heute noch? Definitiv JA!

Ich hätte zwar manche Sachen anders aufgebaut und vielleicht anders formuliert, aber im Großen und Ganzen bin ich doch zufrieden. Und inhaltlich kann ich da absolut hinterstehen und vertrete diese Ansichten auch heute noch. Für mich ein gutes Zeichen, dass ich ehrlich zu mir selbst war, als ich das meiste hier geschrieben habe.

So eine destruktive Beziehung wie ich sie hatte, hinterlässt Spuren und wirkt nach. Es ist ein traumatisches Erlebnis und daher wäre es in meinen Augen auch vermessen etwas anderes zu behaupten. Aber ich bin so unendlich froh wieder bei mir anzukommen und nicht mehr diesen unerträglichen Druck zu verspüren. Ich habe für mich auch ein paar goldene Regeln gefunden, die mir heilig geworden sind: Selbstschutz, 100%ige Selbstehrlichkeit und Vertrauen in meine Wahrnehmung. Sobald ein anderer daran kratzt und mir einreden möchte, dass meine Wahrnehmung das Problem ist, schrillen meine Alarmglocken. Oder wenn ich merke, dass ich mich nach jedem Treffen mit einer Person komplett erschöpft und ausgelaugt fühle. Und auch bei manch anderen Dingen, die ich wahrnehme bei einigen Mitmenschen. Dazu werde ich mich in Nachfolgebeiträgen befassen.

Schön für mich zu sehen war auch, dass es Menschen gibt, die für mich da waren in dieser bitteren Zeit. Denen ich auch 1000x die Platte vorspielen konnte und die mein Gedudel ertragen haben. Mehr Zuneigung geht echt nicht, denn ich stelle mir das unerträglich vor, wenn jemand immer und immer wieder das gleiche erzählt.

Heute bin ich aus dem gröbsten raus, auch wenn ich manchmal noch Nachwirkungen spüre in Form traumaartiger Flashbacks. Meist wird das ausgelöst durch irgendeinen stupiden Trigger und ich muss viel mehr auf mich achten als vor der Beziehung und brauche deutlich mehr Erholung (körperlich, aber vor allem emotional). Aber es geht voran und ich kann daher jedem nur Mut machen: Es wird wieder! Was man dafür braucht ist in meinen Augen Geduld, Selbstmitleid, Selbstvertrauen und die Kraft wirklich ehrlich zu sich selbst zu sein.

Ehrlich zu sich selbst sein

In meinem letzten Beitrag habe ich es schon angesprochen und ist für mich eine goldene Regel geworden: ehrlich zu sich selbst sein. Denn für mich liegen die Vorteile auf der Hand. Man kann ernsthaft an sich arbeiten und seine Baustellen und Problemchen analysieren. Das Verbleiben in einer destruktiven Beziehung hat meiner Meinung nach auch viel mit Selbstbeschiss zu tun. Denn man zwingt sich negative Dinge auszublenden und ignoriert, wie schlecht es einem geht. Hier kann ein Reality Check von Zeit zu Zeit ein effektives Tool sein, um so einer Sache in Zukunft vorzubeugen bzw. rechtzeitig auszusteigen. Wirkt auf den ersten Blick auch denkbar einfach und logisch mit dem ehrlich zu sich selbst sein. Die Umsetzung ist nur gar nicht mal so einfach und für manche scheinbar unmöglich. Die größten Spielverderber, die ich bisher kennengelernt habe, sind ein zu schwaches Selbstwertgefühl und die psychischen Abwehrmechanismen, die man besitzt. Beide Punkte bedingen sich auch irgendwie gleichzeitig und gehen ineinander über.

Schwaches Selbstvertrauen

Das ist irgendwie offensichtlich. Wenn man sich nicht so prickelnd findet, artet jede Form von Selbstkritik schnell mal ins absolute Selbstbashing aus und man schießt weit übers Ziel hinaus. Geht wohl jedem manchmal so, aber Menschen mit schwachem Selbstvertrauen dauerhaft. Das macht es dann umso schwerer ehrlich mit sich selbst umzugehen, da viele zum überkompensieren neigen. Und dadurch sich, ihre Fähigkeiten und täglichen Angewohnheiten chronisch positiv überschätzen und so verhindern an sich selbst zu arbeiten. Der Narzisst lässt grüßen…

Abwehrmechanismen

Das ist ein echtes Brett und de facto nicht zu umgehen. Jeder Mensch besitzt Abwehrmechanismen, die das Ich schützen und so wird manche Wahrheit, die einfach nicht wahr sein darf, geflissentlich ignoriert. Temporär oder dauerhaft. (Wer sich für die verschiedenen psychischen Abwehrmechanismen interessiert, klicke einfach hier) Eigentlich ist so ein geistiger Torwart davor echt praktisch, damit man psychisch nicht komplett auseinander bricht. Allerdings denken dadurch viele Verrückte und normal Verrückte, sie seien halt nicht verrückt. Sondern alle anderen. Und so wird munter Ping Pong in der Schuldfrage gespielt und auf andere mit dem Finger gezeigt.

Das Wissen um diese Mechanismen hat mir  in mancherlei Hinischt geholfen. Zum Einen hilft es mir meine eigene Überheblichkeit anzuerkennen. Ja, auch ich muss feststellen, dass meine Wahrheit verdammt nochmal subjektiv ist und mich meine Psyche schützt vor so mancher unbequemen Wahrheit. Schön zu sehen war, dass nach meiner Borderline Beziehung das ganze Ausmaß nur stückweise in mein Hirn durchgedrungen ist und mir mein Hirn immer nur so viel Schmerz auf einen Schlag verpasst hat, wie ich zu verarbeiten im Stande war. Der Mechanismus der Verdängung lässt grüßen, den ich – by the way – super finde. Neben der Erkenntnis, dass meine Wahrheit nur ein Ausschnitt und gefiltert ist, hilft es mir außerdem nachischtiger mit meinen Mitmenschen zu sein. Von außen betrachtet scheint immer alles klar und logisch. Aber das viele Leute ihre eigenen Probleme nicht sehen und ihr Verhalten entsprechend ändern, liegt oftmals daran, dass sie einfach nicht können. Unsere eigene Psyche schützt uns vor den Wahrheiten, die nicht sein dürfen. Weil sonst das System zusammenbricht und wir als Menschen nun mal auf Überleben getrimmt sind. So habe ich anerkannt, dass nicht jeder die gleichen Möglichkeiten zur Reflexion hat. Der eine ist mehr und der andere weniger beschränkt, aber beschränkt sind wir alle. Und wenn der Blick nach innen schlicht zu schmerzhaft ist, macht das wohl niemand auf Dauer mit.

Retrospektive

Nachdem meine destruktive Beziehung schon länger zurückliegt, blicke ich mal wieder zurück auf die Zeit und kann wirklich sagen: die Trennung war das beste an dieser Beziehung. Ansonsten war es wirklich eine bitterböse Erfahrung für mich, die ich niemals wiederholen möchte. Daher ist es mir so wichtig diese Erfahrung sauber aufzuarbeiten. Das ist nicht einfach nur etwas, dass man mal eben abhaken sollte, wenn man mich fragt. Denn so eine Beziehung ist wirklich gefährlich für die geistige und körperliche Gesundheit. Es lohnt sich auch seine eigenen Baustellen anzuschauen. Und hier half es mir einfach wirklich ehrlich zu mir zu sein.

Ich bin immer noch nicht dankbar für die Zeit oder danke meiner Ex. Mir geht es wieder gut, weil ich die richtigen Schlüsse gezogen habe. Ich habe mich wieder auf mich konzentriert und sortiert was meine „Probleme“ sind und was nur Projektionen waren. Für mich ist es einfach nur spooky, wenn ich daran denke, mit wem ich da mal zusammen war.

Ich habe nach der Trennung Dinge getan, die mir gut tun. Dazu zählten Gewohnheiten, die ich schon früher beherrscht habe und die mir wissentlich gut tun:

  • Sport
  • gesundes Essen
  • aufhören zu rauchen

Was gut ist an so einer destruktiven Beziehung. Es werden die eigenen Baustellen extrem vergrößert deutlich. Ich habe mir die Mühe gemacht diese ehrlich anzuschauen. Und habe für mich rausgefunden, dass vor allem meine Impulskontrolle und Fähigkeit zur Geduld durchaus ausbaufähig ist. Daher habe ich auch neue Aktivitäten integriert:

  • Tagebuch schreiben
  • Yoga
  • Meditation

Vom Meditieren bin ich wirklich mehr als begeistert, weil ich wirklich mehr mit mir in Kontakt trete seitdem und sich meine Impulskontrolle deutlich verbessert hat. Noch vor einem Jahr hätte ich das als absolten Weicheierkram abgetan, aber heute merke ich, dass es sich lohnt, manchmal auch ungewohnte Sachen zu testen.

Gefühle und die Gefahr von emotionalem Missbrauch

In meinem letzten Beitrag zum Thema Gefühle habe ich beschrieben, wie traurig es ist, dass sich so viele Menschen nicht trauen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Und so traurig der Umstand auch ist, so verständlich finde ich ihn doch auch auf der anderen Seite. Denn wenn wir wirklich zu unseren Gefühlen stehen, zeigen wir unser wahres Ich. Wir können die coole Fassade immer aufrecht erhalten, wenn wir wollen. Wir können Beziehungen, Freundschaften und Sex mit anderen Menschen haben ohne wirklich unsere wahren Gefühle zu offenbaren. Erst wenn wir unsere Gefühle offenbaren, stehen wir einem anderen Menschen wahrhaftig nackt gegenüber. Ich muss echt schmunzeln, wenn ich das so schreibe. Noch vor 1 Jahr hätte ich den Verfasser solcher Zeilen wahrscheinlich als waschechten Waschlappen bezeichnet, der sich mit Mädchenkram beschäftigt. Bevor ich in einer Missbrauchsbeziehung war, war ich solchen Themen gegenüber nicht wirklich aufgeschlossen. Erst durch diese „Beziehung“ habe ich erfahren, was mit Einem passieren kann, wenn man nicht auf seine Gefühle vertraut und wie es sich anfühlt, wenn man emotional missbraucht wird.

Und das erklärt für mich auch, warum es wichtig ist, nicht jedem sein Innerstes zu offenbaren:

  1. Nicht jeden interessiert es, was man gerade fühlt. Wenn jemand z.B. der Penny-Verkäuferin erzählt, dass er gerade ganz schrecklich unter Verlustangst leidet, schafft er dadurch sicherlich keine tiefe zwischenmenschlich Begegnung. So ein Verhalten zeugt eher von mangelhaft ausgeprägten persönlichen Grenzen bzw. er verletzt damit sogar die Grenzen des Anderen, der damit verständlicherweise nichts anfangen kann. Ein derartiges Verhalten schreckt das Gegenüber verständlicherweise ab und zeugt nicht gerade von Taktgefühl. Daher denke ich, dass Gefühlsäußerungen der jeweiligen Beziehung angemessen sein sollten. Meiner Freundin kann ich sagen, wenn mich ihr Verhalten verletzt. Genauso kann ich ihr sagen, dass ich es liebe, wenn sie dieses und jenes macht. Meinem Fitness Studio Kumpel kann ich sagen, dass es cool ist, mit ihm zusammen zu pumpen. Ich würde allerdings nicht sagen, dass ich eifersüchtig bin, wenn er mit einem anderen Bankdrücken macht.
  2. Man wird verletzbar, wenn man seine Gefühle offenbart. Da ist der wohl entscheidende Grund, warum es einem so schwer fällt zu seinen Gefühlen zu stehen. Wenn man seine Gefühle offenbart und sein Innerstes gezeigt hat, begibt man sich stets in Gefahr, abgelehnt zu werden. Ich finde es dabei gar nicht schlimm, wenn jemande meine Gefühle nicht verstehen kann. Sind ja auch meine und daher ist es verständlich, dass der andere das nicht so fühlen und verstehen muss. Reicht mir schon, dass er mich mit meinen Gefühlen stehen lassen kann und akzeptiert, was ich fühle. Bitter wird es dann, wenn die Gefühle vom Gegenüber als krank abgestempelt werden. Sollte das regelmäßig vorkommen, sollte man sich von der Person so gut es geht entfernen. Denn emotionale Missbrauchstäter sind gefährlich fürs eigene Wohlbefinden und kontinuierlicher emotionaler Missbrauch kann das Selbstwertgefühl empfindlich verletzen.
    Schwierig wird es stets dann, wenn man in einer nahen Beziehung zu einem Missbrauchstäter steht. Es gibt ja Menschen, die propagieren, dass einen nichts treffen darf, was andere sagen oder tun. Aber wir sind nun mal Menschen und damit soziale Wesen. Und daher spielen gerade unsere nahen Beziehungen eine Rolle und hier trifft einen emotionalen Missbrauch umso härter. Wenn einen das nicht trifft, zeugt das mMn eher von Gefühlskälte und mangelndem Interesse am Anderen als von Stärke oder Selbstvertrauen. Daher habe ich für mich folgende Regel aufgestellt: Wertet der andere kontinuierlich meine Gefühle ab, gehe ich zum Selbstschutz auf Distanz zu dieser Person. Wenn ich diese Person nicht komplett aus meinem Leben ausschließen kann, belasse ich es bei oberflächlichem Kontakt. Mehr geht aber nicht mit solchen Kandidaten.

Wahre Gefühlshelden

Ich bin immer wieder erstaunt, wie verwirrend die eigene Gefühlswelt für mich und andere ist. Irgendwie wirkt es so, als hätten wir auf vielen Gebieten mächtiges Wissen angehäuft, aber die Gefühlswelt ist immer noch Neuland. Und ich habe nicht wirklich das Gefühl, dass irgendwas in dieser Richtung besser wird. Dank facebook und co. ist jeder in einer permanenten „alles cool“ Schiene gefangen. Jeder gibt gerne die auf Hochglanz polierte Fassade preis, damit andere neidisch werden. Oder wir verstecken uns hinter Sarkasmus und einer aufgesetzten „scheiß egal“ Haltung. Doch wie sieht es wirklich bei den meisten aus?!

Wirklich zu sich und seinen wahren Gefühlen zu stehen und für diese Verantwortung zu übernehmen, scheint den wenigsten zu gelingen. Dabei macht dies für mich wahres Selbstvertrauen aus. Stets so zu tun, als ob einen nichts emotional bewegt, ist der Weg von Feiglingen, deren aufgesetztes Selbstvertrauen brüchig ist ohne Ende. Scheinbar hat keiner Ängste oder Schwächen, weil das uncool wäre. Ich glaube, jeder von uns versteckt sich nur allzu gerne hinter vollen Terminkalendern und oberflächlicher Coolness, um zu verschleiern, dass ein jeder auch Ängste hat: Zukunftssorgen, Verlustängste und Versagensängste. Sich diese einzugestehen und sich diesen zu stellen, zeigt aber, ob jemand wirklich mutig ist. Viele aus unserer Generation (mich eingeschlossen) haben den Absprung aus schamhaftem Kleinkindverhalten nur bedingt geschafft. Wir betonen so sehr cool zu sein und uns nie zu schämen, dass unsere Scham jedem neutralen Beobachter förmlich ins Gesicht springt.

Irgendwie ist doch alles eine Lüge ohne Ende: Wir alle wollen die große Liebe finden, Erfüllung im Job, Selbsterkenntnis und tiefe Freundschaften. Gleichzeitig schämen wir uns aber alles von uns preiszugeben und das schlimmste wäre, als gewöhnlich oder uncool zu gelten. So denken doch aber eigentlich nur Kinder und Teenies. Nur weigert sich unsere Generation scheinbar penetrant, emotional erwachsen zu werden. Dazu zu stehen, in manchen Dingen uncool zu sein, ist für mich wirklich cool.

Wie viele Beziehungen mit Potential sind wohl schon gescheitert, weil beide zu viel Angst hatten zu ihren Schwächen zu stehen?! Stattdessen taten beide cool und haben verhindert, dass sie sich wirklich begegnet sind. Als Abschied kann man dann sagen „Es war eine tolle Zeit, aber irgendwas passt halt nicht!“ Was soll dieses „irgendwas“ eigentlich sein, frage ich mich.

Wie viele meiner Generation habe auch ich von Haus aus eingetrichtert bekommen, dass es gute und schlechte Gefühle gibt. Gute Gefühle wie Liebe und Freude wollen wir alle permanent spüren, doch wehe jemand kommt mit den negativen wie Ängsten an. Leute mit „schlechten“ Gefühlen werden gemieden und als anstrengend abgetan. Dabei halten diese uns doch meistens nur den Spiegel vor und uns gefällt an uns nicht, was wir im Anderen sehen. Nur ist es einfacher, den Anderen als Versager abzutun statt auf uns zu schauen. Was lösen die Schwächen und Ängste des Anderen in uns aus? Dazu zu stehen, dass auch wir Ängste und dunkle Seiten haben, könnte echte Vertrautheit und eine tiefe Verbindung schaffen. Doch dazu müsste man sich aus seinem Schneckenhaus der Coolness trauen. Unsere feel good Gesellschaft hat mMn aus den Augen verloren, dass grenzenlose Freude nur derjenige fühlen kann, der auch Verzweiflung kennt: Kein Leben ohne Tod, Yin und Yang und so. Insofern ist mir diese Bewertung der Gefühle schleierhaft.

Wie konnte sich dieser gefährlich Trend nur entwickeln? Jedes Gefühl, dass wir weg drücken und per se nicht fühlen wollen, wird uns mehr und mehr beherrschen. So entstehen meiner Meinung nach die meisten psychischen Krankheiten. Und weil wir panisch davor weglaufen, unangenehme Gefühle zu spüren, verabscheuen viele gerade die Mitmenschen, die zu ihren Ängsten und Schwächen stehen. Dabei sind das doch die wahren Helden! Diejenigen, die wirklich zu sich und ihren Gefühlen stehen.
Jeder kann cool sein und nichts an sich ran lassen, alles als positive Erfahrung abspeichern und im Nachhinein verklären, wie toll alles doch war. Wirklichen Mut beweist in meinen Augen derjenige, der zu sich und allen seinen Gefühlen steht und Verantwortung dafür übernimmt. Der auch sagen kann, wenn was enttäuschend war und der zugibt, sich manchmal schwach zu fühlen. Eigentlich ist der Weg doch denkbar easy im Umgang mit Gefühlen: nichts weg drücken und bewerten, sondern alles anschauen und annehmen. Nur durch radikale Selbstakzeptanz kann man heilen und sich verändern. Wieso schämen wir uns nur kollektiv zu unseren Gefühlen zu stehen? Und werden so zu einer gesichtslosen Horde von emotionalen Krüppeln, die vor lauter Angst vor der Angst von ihrer Angst beherrscht werden. Durch dieses Wegdrücken und Nicht-spüren-wollen füttern wir doch unsere inneren Dämonen bis diese übermächtig werden. Mit der Konsequenz, dass wir fast gar nix mehr fühlen. Zwar nicht mehr die unangenehmen Gefühle, aber auch nicht die angenehmen.
Ist dieser Affentanz das wirklich wert?!