Fragen über Fragen

Hier ein paar Fragen, mit denen sich viele Angehörige (=geistig gesunder Partner) während oder nach der Missbrauchsbeziehungen konfrontiert sehen.

Warum bist du da rein geraten?

Wenn man der gängigen Meinung glauben schenkt, die leider auch von vielen Psychologen und Experten vertreten wird, dann weil ich entweder co-abhängig, gesegnet mit Minderwertigkeitskomplexen, dependent gestört oder alles zusammen bin.

Kann natürlich so sein, dass man deshalb an einen gestörten, missbrauchenden Partner gerät. Es kann aber ebenso gut sein, dass man einfach auf die Lügen und Manipulationen des Gestörten reingefallen ist. Wer würde sich denn nicht freuen, dass man den Traumpartner gefunden hat, weil alles passt?! Zumindest zu Beginn der Beziehung scheint das ja so zu sein. Kann man ja im Vorfeld nur schwer erkennen, dass der Gestörte sich nur die eigene Persönlichkeit borgt und ein hochgradig Gestörter ist. Sogar Psychologen und Polizisten lassen sich von derart geschickten Manipulatoren täuschen. Daher bin ich überzeugt, dass die meisten Angehörigen schlicht Pech hatten.

Warum bist du nicht einfach gegangen?

Das ist quasi DIE 1 Million Euro Frage!
Den Suchtfaktor hatte ich ja bereits erwähnt. Man war ja zu Anfang mal der perfekte Partner für den Gestörten. Insofern ist es nur menschlich zu glauben, dass man die Probleme in der Beziehung ausräumen kann und der Gestörte einen dann wieder toll findet. So entstehen ja auch diese finsteren Selbstzweifel beim Angehörigen: Der Gestörte hielt mich zu Anfang für perfekt, was habe ICH also bloß getan, dass er mich jetzt so abwertet?! Einfache Antwort: Der Angehörige ist leider ein Mensch (mit wunden Punkten und Fehlern); das hat er verbrochen! Das kann der Gestörte aber nicht verkraften. Denn er braucht den perfekten Partner, um sich dessen Persönlichkeit zu borgen und sich im Glanz des Angehörige zu sonnen. Während der Beziehung denkt man jedoch meist noch nicht, dass man es mit einem Gestörten zu tun hat und glaubt, wenn der Gestörte seinen Verstand einschaltet und sich mal reflektiert, wird alles wieder gut…Nur leider hat man da die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn gesunder Menschenverstand und Selbstreflexion sind für einen Gestörten meist Fremdworte.

Wenn der Missbrauch schon in vollem Gange ist, merkt man ja auch, dass irgendwas komplett aus dem Ruder läuft. Aber die Wechsel sind zu drastisch und schnell. Diese fehlende Objektkonstanz, Instabilität und diese Wechsel aus Nähe-Distanz sowie Abwertung-Idealisierung vom Gestörten sind zu viel fürs Gehirn des Angehörigen. Zum Einen ist man zwar der Hauptgewinn für den Gestörten, aber zum Anderen ist man gleichzeitig auch die größte Enttäuschung seit Menschengedenken. Die Amis sprechen hier von „Cognitive Dissonance“ und das passt hier denke ich. Das Gehirn des Angehörigen kommt einfach nicht mehr klar auf diese Widersprüche.

Außerdem hofft man einfach, dass es besser wird. Würde man es beenden, müsste man sich augenblicklich mit dem erlebten Missbrauch auseinander setzen. So bleiben viele Angehörige in der Beziehung, um sich nicht damit zu beschäftigen und bleiben oftmals in der fatalen Hoffnung, der Missbrauch würde von alleine aufhören. Das halte ich allerdings für so realistisch wie einen Meistertitel von Schalke 04 in der Bundesliga.

Bist du nicht vielleicht der Gestörte?

Nein, bist du als Angehöriger in den meisten Fällen ganz sicher nicht!
Denn du bist selbstreflektiert, empathisch und kannst dich für Fehler entschuldigen. Ca. 100% der gestörten Missbrauchstäter zeichnen sich durch fehlende Selbstreflexion, Reue und Empathie aus. Wenn du all das als Angehöriger hast, stehen die Chancen schon mal gar nicht schlecht, dass du nicht wesentlich gestört bist.

Jeder Angehörige beschäftigt sich ohnehin mit seinen eigenen Anteilen. Solltest du zum Schluss kommen, dass du dependent oder co-abhängig bist, dann ist das eben so. Kann man z.B. in einer Therapie dran arbeiten und das rechtfertigt in meinen Augen immer noch keinen Missbrauch!

Meinst du nicht, dass du einfach nur übertreibst? Vielleicht kommst du ja einfach nur nicht auf die Trennung klar und redest dir deshalb ein, dein Ex-Partner sei gestört?

Ich sehe nur meinen Vater (Narzisst) und meine auffällige Ex (Borderline) als Gestörte. Alle anderen Menschen in meinem nahen Umfeld halte ich für mehr oder weniger normal. Auch meine Therapeutin war der Meinung, dass diese 2 Kandidaten sehr pathologisch wirken, als ich ihr von meinen Missbrauchserfahrungen berichtet habe. Klar, ich hätte im Vorfeld auch penibel alle Symptome recherchieren können, damit ich 2 Menschen als gestört diffamieren kann.
Fakt ist aber, wenn man das nur bei diesem Ex-Partner so macht und man so etwas noch nie zuvor dachte, dann liegt es meiner Meinung nach auf der Hand, dass mit diesem Ex-Partner irgendwas wirklich nicht stimmt.

Bei meinen anderen Exen weiß ich, warum es gescheitert ist. Da brauchte ich mich nie fragen, ob alles gelogen war und ich manipuliert sowie missbraucht wurde. Da kann ich auch noch deren Charakter beschreiben und sehe nicht eine leere menschliche Hülle ohne Persönlichkeit vor mir, wenn ich zurück denke. Da bin ich sogar dankbar für die gemeinsame Zeit und finde es nicht total spooky, wenn ich an die Zeit zurück denke.
Bildlich gesprochen waren meine anderen Erfahrungen eher romantische Komödien ohne Happy End; die Erfahrung mit der Gestörten erinnert mich eher an einen Psycho-Horror-Film und da bin ich einfach nur happy über das Ende.

Willst du das ganze nicht einfach positiv abschließen?

Was denn positiv abschließen? Dankbar sein für emotionalen Missbrauch, körperliche Gewalt, Manipulationen und Lügen?!
Ich bin dankbar, dass ich jetzt noch selbstbewusster bin und klarer Grenzen ziehen kann. Aber für den Rest bin ich nicht dankbar und finde auch nicht, dass das irgendwie positiv war.

Findest du es nicht unfair, dass der Gestörte nach der Trennung besser dran ist?

Das denkt wohl jeder Angehörige irgendwann. Welcher Angehörige hätte nicht auch gerne diesen schwarz-weiß Schalter und könnte einfach so umswitchen nach der Trennung.
Auf kurze Sicht mag es dem Gestörten auch besser gehen, aber auf lange Sicht definitiv nicht.

Als gesunder Mensch ist man in der Lage, lieben zu können ohne permanent zwischen Idealisierung und Abwertung zu schwanken. Man ist selbstreflektiert und kann aus Fehlern lernen. Man kann heilen und wachsen. Man kann seine Meinung äußern, kann authentisch sein, hat einen eigenen Charakter und kann Konflikte verbal lösen.
Will man dann wirklich noch mit dem Gestörten tauschen? Lieben kann der nicht wirklich, sonst wäre das kein Gestörter. Selbstreflexion ist für viele Gestörte ein Fremdwort und aus Erfahrungen lernen geht auch eher wenig bis gar nicht. Konflikte löst der Gestörte in der Regel durch Flucht oder Abwertung und fast jeder Konflikt eskaliert und endet katastrophal. Er muss außerdem Rollen spielen und manipulieren, um nicht negativ aufzufallen und er hat oft keine eigene Persönlichkeit.
Also ich möchte mit dem Gestörten nicht tauschen!

Hast du Mitleid mit dem Gestörten?

JA! Ich kann mir vorstellen, wie ätzend es sein muss, ein inneres Bedürfnis zu verspüren, dass unersättlich ist wie Rainer Callmund. Und da der Gestörte es selbst nicht füllen kann, sucht er die Erfüllung im Außen und wird dabei immer wieder enttäuscht werden, weil es niemals genug sein wird.
Außerdem finde ich den Gedanken schlimm, dass ein Gestörter nie jemanden wirklich begegnet auf zwischenmenschlicher Ebene. Entweder der Angehörige ist Gott oder der Teufel für den Gestörten. Den wahren Menschen kann er aufgrund seiner Wahrnehmungsstörung nie sehen und das ist wirklich traurig, wenn man mich fragt.
Und natürlich muss es grausam sein, dass man als Gestörter vor lauter Selbsthass und Angst immer nur Rollen spielt, manipuliert und nie authentisch ist, nur um die Fassade zu wahren. Ich bin außerdem froh und stolz auf meinen Charakter und habe Mitleid mit jedem, der keinen hat.

Sollte man dem Gestörten nicht einfach verzeihen?

Meine Meinung hierzu: Alles kann, nichts muss. Genau so wie im Swingerclub. Das kann jeder Überlebende einer Missbrauchsbeziehung so handhaben, wie er mag. Manche gehen den Weg des Verzeihens, ich z.B. nicht.
Ich habe meine Lehren daraus gezogen, aber ich könnte für mich nur dann verzeihen, wenn die Gestörten in meinem Leben Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Da diese aber nie Verantwortung übernommen haben für ihr indiskutables Verhalten sondern immer anderen die Schuld für ihr Verhalten geben, verzeihe ich persönlich nicht.

 

Hier gibt es das Buch zum Blog (lesbar mit amazon Kindle oder der kostenlosen Kindle App für Smartphone, Tablet, PC oder Mac)

Advertisements

10 Gedanken zu “Fragen über Fragen

  1. Pingback: Meine Borderline Beziehung (Part 1) | emotionaler Missbrauch

  2. Hallo,

    in Bezug auf „das Verzeihen, das Verstehen und auch dem eigenen Umgang mit dem Erlebten“ hat ein Verfasser im Internet mal einen Text veröffentlicht mit der Überschrift 50 Fragen und Antworten zu Borderline. Darin schreibt er u.a.:

    „Die Krankheit kann man sicher niemandem vorwerfen…ich habe das gegenseitige Vertrauen sehr geschätzt, daß wir uns entgegengebracht haben. Wir konnten – das hatte ich zumindest immer gedacht – über alles reden. Deshalb ist mir ist völlig unverständlich, warum die Krankheit und deren Auswirkung auf unsere Beziehung von ihr nie zum Thema gemacht wurde. Warum sie ihre Ängste und Nöte nie geschildert hat. Warum sie, die sich wirklich mit jedem ihrer Krankheitsbilder ausführlich beschäftigt hat, behauptet, nicht gewußt zu haben, was diese Krankheit für uns bedeutet. Warum sie uns nicht die Chance gegeben hat, aktiv mit der Krankheit umzugehen. Warum sie nie ernsthaft versucht hat, sich mit der Krankheit auseinander zu setzen und ihre Symptome therapeutisch zu mildern statt sich einfach in ihr treiben zu lassen.

    Auf meiner verzweifelten Suche nach einer Erklärung, erinnerte ich mich daran, daß ihr einmal Borderline diagnostiziert worden war. Ich hatte dem nie eine größere Bedeutung beigemessen, da sie nicht ritzte und die meisten Symptome entweder gar nicht erkennbar waren oder nur phasenweise ausgeprägter erschienen. Mir war damals nicht bewußt, in welchem Ausmaß diese Krankheit jede Beziehung steuert – von der Auswahl des geeigneten Partners bis zur Spaltung, die die Beziehung beendet.“

    Dazu möchte ich sagen, dass es auf das Lebensalter ankommt, wann man diese Personen kennenlernt…einer/m 20 jährigen wird man sicher nicht vorwerfen können, dass er ein total reflektiertes Verhalten zeigt…was ich jedoch aus einigen Foren weiss und auch selbst aus eigener Erfahrung mitbekommmen habe, ist, dass einige diagnostizierte Borderliner oder solche Personen denen man ein eine borderline ähnliche Störung zuschreiben könnte, schon etwas älter sind, jahrelang diese Symptome kennen und sich nicht therapieren lassen…so ein bisschen wie amy winehouse…they tried to send me to the therap, but i said nonono…oder es werden Ausreden präsentiert nach dem Motto, manche Sachen sind halt wie sie sind…es wird wie so oft keine Verantwortung für sich selbst und das eigene Verhalten übernommen…so etwas ist unverzeihlich, denn man/woman lebt nicht im sozialnormfreien Raum und man hat auch eine Verantwortung für seine Freunde und/oder Partner…von daher…klar haben manche Betroffene echt schlimme Dinge mitgemacht, was jedoch kein Grund sein sollte, weil man sich selbst hasst, den eigenen Selbsthass weiterzugeben und die eigene Disharmonie in nahen Bezugspersonen zu hinterlassen…zumindest sollte man den Partner darüber aufklären was mit einem ist und diesem die Chance geben sich für oder gegen eine Beziehung mit einer Person mit leider erlebten Traumata zu entscheiden…tut man das nicht verhält man sich meiner Meinung nach asozial…

    Da jedoch viele Betroffene Angst haben sich zu öffnen, um nicht stigmatisiert zu werden oder weil sie sich schämen, ist es schwierig einen Zugang zu den Betroffenen und ihren wahren Problemen zu finden…und da helfen beispielsweise solche Seiten und blogs wie diese hier von robbie royal, um sich selbst zu sensibilisieren und – wenn dann mal etwas schlimmes passiert ist – zu wissen man ist nicht alleine. Nach einer Missbrauchsbeziehung muss man lernen sich selbst zu verzeihen und lernen in der Zukunft sensibler auf kranke Zeichen anderer zu achten und vor allem sich selbst zu achten – Respekt sollte man nur dem zu zollen, der einem auch selbst Respekt entgegenbringt…

    beastyboy

    Gefällt 1 Person

  3. Vielen Dank für diesen ehrlichen und offenen Blog.
    Ich bin nun seit etwa 3 Monaten von meinem Ex getrennt, er hat mich verlassen.
    Inzwischen bin ich froh drüber, denn ich hätte es nicht gekonnt und die Beziehung hat mich kaputt gemacht.
    Ich habe lange nach den Gründen gesucht, probiert dem Kind einen Namen zu geben, weil ich einfach nicht wusste, was da passiert ist. So etwas habe ich zuvor noch in keiner anderen Beziehung erlebt und ich habe vorher, jetzt wo ich es einordnen kann, gesunde Beziehungen geführt. Aber die letzte war die Hölle (im Nachhinein festgestellt).
    Langsam beginne ich alles einordnen zu können und dein Blog hilft mir sehr dabei. Ich habe schon an mir gezweifelt, ob ich denn verrückt sei oder alles ein böser Albtraum. So wie du es beschreibst habe ich auch diesen „spooky“ Blick auf die Person und die komplette Beziehung. Als wäre alles nur eine Lüge gewesen.
    Danke nochmal und Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s